Henri Giraud, eines der besten Champagnerhäuser –
und vermutlich eines, von dem Sie noch nichts gehört haben.
Kennen Sie das? Man denkt, man kennt sich ganz gut aus – auch beim Champagner. Bis ein Glas alles relativiert. Plötzlich fühlt man sich ein bisschen wie Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ In meinem Fall brauchte es dafür nur den Tipp eines Freundes, der seit 30 Jahren in der Champagnerbranche arbeitet. Philippe sagte mir: „Du suchst etwas Besonderes? Dann geh mal zu Henri Giraud.“

Henri Giraud
Ich kannte die Maison noch nicht und hatte ehrlicherweise noch nie etwas über sie gelesen. Kein großes Marketing, kein Name, der einem ständig begegnet. Eher das Gegenteil. Ein Haus, das offensichtlich besser damit beschäftigt ist, große Weine zu machen, als darüber zu sprechen. Dann die erste Begegnung:
Aÿ Grand Cru Brut MV2018.

Schon im Glas fällt auf, dass hier etwas anders ist. Die Robe (Farbe) wirkt tiefer, lebendiger. In der Nase dann Präzision. Substanz. Kein lautes Parfum, sondern ein Versprechen. Am Gaumen hat bereits ein Schluck gereicht, um zu verstehen, womit man es hier zu tun hat. Es fühlte sich an, als hätte jemand im Kopf das Licht eingeschaltet – überall gleichzeitig. Ein feines sensorisches Feuerwerk, präzise, tief, vibrierend. Man steht da und denkt (mit leicht erhöhtem Puls): das hier ist außergewöhnlich! Also die logischen Fragen: Zufall? Glückstreffer? Oder kann dieses Haus mehr als nur eine gute Flasche?
Die Antwort kam mit der nächsten Cuvée:
Hommage au Pinot Noir
Plötzlich wird klar: Das ist kein Zufall, das ist System. Ein Champagner, der zeigt, was Pinot Noir sein kann: strukturiert, tief, fast burgundisch in seiner Anmutung, getragen von dieser feinen, salzigen Frische aus Aÿ. Rote Früchte, ein Hauch Rauch, etwas Wald – alles in Balance. Der Wein überzeugt.

Zwei Cuvées. Zwei Treffer.
Man fragt sich unweigerlich: warum kennt das nicht jeder? In dem Moment fällt einem Sokrates ein: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und hegt kurz den Verdacht, dass er das vielleicht genau für solche Momente gemeint hat.
Henri Giraud ist kein Haus, das sich vordrängt
Eher eines, das darauf vertraut, entdeckt zu werden.
Die Geschichte der Familie Hémart in Aÿ reicht bis ins Jahr 1625 zurück. Über Generationen hinweg hat sie Kriege überstanden, die Schlacht an der Marne erlebt, Reblauskatastrophen bewältigt, neu gepflanzt – und weitergedacht. Ohne Pathos, ohne Inszenierung. Eher mit einem sehr langen Atem. Der Name Giraud kam erst später hinzu: Im 20. Jahrhundert heiratete Léon Giraud in die Familie ein.

Heute wird die Maison in 13. Generation von Emmanuelle Giraud geführt, mit jener Mischung aus Respekt vor dem Erbe und dem Mut, es weiterzudenken. Familie ist hier kein Marketingbegriff, sondern gelebte Kontinuität. Jede Generation hat ihren Beitrag geleistet und die nächste übernimmt nicht nur ein Haus, sondern eine Haltung.
Was sonst noch sofort auffällt: Die Maison spricht nicht zuerst über Champagner. Sie spricht über Wein. Großen Wein. Die Perlage ist dann eher die elegante Zugabe.
Das erklärt auch, warum man Edelstahl kurzerhand aus dem Keller verbannt hat. Stattdessen: Argonne-Eiche. Holz, das Zeit braucht. Viel Zeit. 180 Jahre wächst so ein Baum. In anderen Branchen würde man vermutlich dafür einen Businessplan schreiben. Hier pflanzt man ihn und wartet.

Während andere das Thema Holz eher vorsichtig behandeln, geht man hier konsequent den ganzen Weg. Nur wenige machen das auf diesem Niveau so präzise. Holz nicht als Effekt, sondern als Werkzeug. Für Struktur, für Tiefe, für Zeit.
Die Réserve Perpétuelle

Unter der Erde verbirgt sich das eigentliche Herzstück der Maison: die Réserve Perpétuelle. Ein lebendiges Gedächtnis, in dem sich Jahrgänge über Generationen hinweg begegnen. Jede Generation fügt hinzu, jede entnimmt mit Bedacht. Kein Archiv im klassischen Sinne, sondern eher ein stiller Dialog über die Zeit. Oder, weniger poetisch gesagt: die vielleicht eleganteste Art, Zeit in Flüssigkeit zu verwandeln. Im Glas wird das plötzlich greifbar: Tiefe ohne Schwere. Spannung ohne Lautstärke. Eine salzige Linie, die bleibt.
Sébastien Le Golvet, Chef de Cave –
spricht von Energie und meint das erstaunlich konkret. Kreide aus Aÿ, Gaize aus der Argonne, zwei uralte Meeresböden, die hier zusammenfinden und etwas erzeugen, das man schwer messen, aber sehr deutlich spüren kann. „Wir sind keine Handwerker“, sagt er. Ein Satz, der schnell arrogant wirken könnte. Tut er aber nicht. Weil das Glas ihm recht gibt.

Diese Haltung zieht sich konsequent weiter:
Triple Zéro:
keine Pestizide, keine Insektizide, keine Herbizide. Kein Kompromiss.
Dazu eine vollständige Transparenz per QR-Code – Analyse inklusive. In einer Branche, in der Diskretion fast zur Folklore gehört, ist das… bemerkenswert. Aber auch logisch. Wer nichts zu verstecken hat, kann sich Transparenz leisten.
Vielleicht ist das genau der Grund, warum dieses Haus nicht lauter ist. Es hat schlicht nichts zu beweisen. Genau deshalb sollte man es kennen.
Oder besser: probieren.







