Gallet: Was hinter dem Neustart der 200 Jahre alten Uhrenmarke steckt
Zugegeben, bis zur Ankündigung der Übernahme von Gallet durch Breitling im vergangenen Jahr, war der Name auch hier in der Redaktion nicht so wirklich präsent – aller Geschichten, die sich um Uhren der Marke ranken zum Trotz. Allerdings: Kann und muss man wirklich alle alten Marken kennen? Na ja, vielleicht schon. Aber nun ist Gallet ja wieder Teil der aktuellen Uhrenwelt und wir können die Marke neu entdecken.
Titelbild: Gallet Multichron Pilot
Genau 200 Jahre nach ihrer Gründung erlebte die historische Chronographenmarke während der Geneva Watch Days ihren Neustart.
Hinter dem Relaunch steht Breitling. Das Unternehmen hatte Gallet 2025 übernommen und ordnet die Marke nun gemeinsam mit Breitling und Universal Genève in sein „House of Brands“ ein. Georges Kern ist CEO dieser neuen Struktur.

Gallet als Teil des „House of Brands“
Dabei ist und bleibt Breitling die etablierte Kernmarke des House of Brands – sportlich, funktional geprägt und im modernen Luxus positioniert.
Universal Genève besetzt eine deutlich exklusivere und elegantere Position. Die historische Selbstbeschreibung „Le Couturier de la Montre“ bringt den Anspruch gut auf den Punkt: anspruchsvolle Uhrmacherei verbindet sich mit raffinierter, fast coutureartiger Gestaltung.
Gallet ergänzt das Portfolio am anderen Ende. Die Marke soll den Zugang in die Welt mechanischer Luxusuhren öffnen und besetzt bewusst ein Segment, aus dem sich viele Schweizer Hersteller in den vergangenen Jahren preislich entfernt haben. Die Financial Times beschreibt Gallet entsprechend als Einstiegsmarke innerhalb des House of Brands – als „Entry Luxury“, die den Zugang in die Welt der Luxusuhren erschließen soll.
Auch wenn Breitling hinter Gallet steht und viel Infrastruktur und Technologie bereitstellt, ist Gallet eine eigenständige Marke, mit eigener Geschichte, Gestaltung und Zielgruppe. Die Preise beginnen bei rund 2.600 Euro und reichen bei den Jubiläumsmodellen bis etwa 6.100 Euro.
Dass Breitling für die Abrundung seines House of Brands auf eine historische Marke zurückgreift, ist kein Zufall. Gallet bringt etwas mit, das sich nicht neu erfinden lässt: ein umfangreiches Archiv und eine Geschichte, die eng mit funktionalen Chronographen und Pioniergeist verbunden ist.
Eine Marke mit Entdeckergeist
Gallet wurde 1826 in La Chaux-de-Fonds gegründet. Bekannt wurde die Marke vor allem mit Zeitmessern und Chronographen für Luftfahrt, Motorsport, Segeln und Expeditionen.
Eines der ungewöhnlichsten Zeugnisse dieser Geschichte ist eine Gallet-Stoppuhr mit der Bezeichnung „The Sun“. Sie wurde von Wilbur und Orville Wright verwendet, um ihre Flüge am 17. Dezember 1903 in Kitty Hawk zu stoppen, und genau diese Uhr befindet sich heute im Smithsonian National Air and Space Museum.
Später entstanden Uhren wie die MultiChron Clamshell oder die 1939 vorgestellte Flying Officer. Letztere wurde für die frühe Ära interkontinentaler Flüge entwickelt. Über den Städtering auf der drehbaren Lünette konnten Piloten die Zeit an den bevorstehenden Zwischenstopps verfolgen. Ein bekanntes Exemplar trug später auch Harry S. Truman.
Gallet stand in der Rückschau weniger für klassische Eleganz als für Uhren, die Menschen unterwegs begleiteten – in der Luft, auf der Straße, auf See oder auf Expeditionen. Funktion, Verlässlichkeit und der Drang, weiterzugehen, prägten den Charakter der Marke.
Und genau dort setzt auch der Neustart an.
Aus Abenteuer wird „Wanderlust“

Die historische Verbindung zu Reisen, Luftfahrt, Motorsport und Expeditionen wird dafür in eine neue, zeitgemäße Markenidee übersetzt: „The Great Escape – Wanderlust Since 1826“.
„Wanderlust“ meint dabei nicht einfach nur Reisen. Gallet beschreibt den Begriff als den Wunsch, Bekanntes hinter sich zu lassen, neue Wege zu suchen und sich ins Unbekannte zu bewegen. Die Vergangenheit liefert dafür den Ausgangspunkt, ohne dass die wiederbelebte Marke zum Museum ihrer eigenen Geschichte werden soll.
Die Idee reicht bis in die visuelle Identität der Marke und Ihrer Produkte. Der Städtering der historischen Flying Officer findet sich nicht nur bei der neuen Uhr wieder. Auch die orange-grüne Farbwelt leitet Gallet von der Patina eines historischen Exemplars ab.
Und auch die Menschen, mit denen Gallet diese neue Welt erzählt, folgen diesem Gedanken.
Statt klassischer Testimonials arbeitet die Marke mit Fotografen, Filmemachern und Abenteurern. Dazu gehören Donal Boyd, der Naturschutzprojekte in Kenia dokumentiert, Polarfotograf Benjamin Hardman, Paraglider Benjamin Kellett, Wildtierfotograf Dhir Jakharia, Teresa Corti und L. Renee, die Landschaften rund um San Francisco erkundet.
Ihre Reisen werden in sogenannten „Field Notes“ begleitet und zeigen, wie Gallet den Gedanken von Bewegung und Entdeckung heute versteht.
Die neuen Gallet folgen dem Archiv
Auch bei den Uhren dient die eigene Geschichte als Ausgangspunkt.
Die Flying Officer
übernimmt das wohl bekannteste historische Konzept der Marke. Sie erscheint mit 40 Millimetern sowohl als Dreizeiger-Automatikuhr als auch als Chronograph.

Erhalten bleibt der charakteristische Städtering. Statt der Tankstopps früher Interkontinentalflüge stehen heute allerdings 24 internationale und teilweise bewusst abgelegenere Reiseziele auf der Lünette. Das Prinzip bleibt, sein Kontext ist ein anderer.
Die Flying Officer Automatic wird vom automatischen Kaliber Gallet 17 angetrieben und startet bei rund 2.600 Euro. Beim Flying Officer Chronograph arbeitet das automatische Gallet 23 auf Basis des Sellita SW510 mit rund 65 Stunden Gangreserve. Hier beginnt der Preis bei etwa 4.100 Euro.




Multichron: die Werkzeuguhren
Mit Multichron Pilot und Multichron Sport greift Gallet zwei weitere Seiten seiner Vergangenheit auf.
Die 42 Millimeter große Multichron Pilot orientiert sich an den historischen Flieger- und Expeditionschronographen der Marke. Eine bidirektionale Lünette ermöglicht das Ablesen einer zweiten Zeitzone, hinzu kommt eine Telemeterskala. Auch hier arbeitet das automatische Gallet 23.




Gallet Multichron Pilot Modelle
Die 41 Millimeter große Multichron Sport nimmt dagegen die Verbindung zum Motorsport auf. Ihre Tachymeterskala gehört entsprechend zu den prägenden Gestaltungselementen.




Gallet Multichron Sport Modelle
Beide Modelle sind keine exakten Reproduktionen historischer Uhren. Das Archiv liefert vielmehr den Ausgangspunkt für zeitgemäße Modelle. Gallet selbst bezeichnet die Multichron-Familie als Ausdruck seines Toolwatch-Erbes.
Die Classics bleiben näher am Original
Noch stärker in Richtung Historie gehen die drei Gallet Classics, die zum 200-jährigen Jubiläum erscheinen.



Tribute to Multichron 45, Tribute to Yachting Big Eye und Tribute to Silverlight orientieren sich mit ihren 38-Millimeter-Gehäusen deutlich enger an historischen Vorbildern.
Auch technisch unterscheiden sie sich von den regulären Modellen. In allen drei arbeitet das Handaufzug-Chronographenwerk Breitling B09 mit rund 70 Stunden Gangreserve. Die Classics kosten jeweils rund 6.100 Euro.
Hier wird zugleich ein wichtiger Teil des neuen Gallet-Modells sichtbar: Die Marke tritt eigenständig auf, kann aber auf die industrielle Infrastruktur von Breitling zurückgreifen. Produktion, technisches Know-how, Vertrieb und After-Sales-Service kommen aus dem bestehenden Netzwerk. Gallet spricht deshalb ausdrücklich von „Manufactured by Breitling“.
Mehr als ein Heritage-Relaunch
Gallet bringt eine umfangreiche Geschichte mit, bekommt innerhalb des House of Brands einen klar definierten Platz und übersetzt sein früheres Umfeld von Flugreisen, Motorsport und Expeditionen mit „Wanderlust“ in eine neue, moderne Markenwelt.
Auch die Uhren folgen diesem Ansatz: Flying Officer und Multichron greifen historische Ideen auf und entwickeln sie weiter, während die Classics näher an ihren Vorbildern bleiben.
Breitling bringt damit nicht nur einen historischen Namen zurück, sondern positioniert Gallet wieder als eine gegenwärtige Uhrenmarke.






