EBEL: Die Traditionsmarke bekommt eine neue Perspektive
Die Movado Group verkauft 95 Prozent der Schweizer Uhrenmarke EBEL an eine Investorengruppe um F.P. Journe und Chanel. Mit Pierre Jacques übernimmt ein erfahrener Branchenmanager die Führung. Für die traditionsreiche Marke, die ihre Bedeutung im Schweizer Uhrenmarkt bis heute bewahrt hat, eröffnet sich damit die Möglichkeit einer neuen strategischen Entwicklung.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten unter dem Dach der amerikanischen Movado Group steht EBEL vor einem Eigentümerwechsel. Am 8. Oktober 2026 gab der Konzern bekannt, eine verbindliche Vereinbarung über den Verkauf von 95 Prozent der Marke für 66,5 Millionen US-Dollar geschlossen zu haben. Käufer ist eine Investorengruppe unter Führung der Genfer Montres Journe SA, dem Unternehmen hinter der unabhängigen Uhrenmanufaktur F.P. Journe. Beteiligt sind außerdem das französische Luxushaus Chanel und der Schweizer Uhrenmanager Pierre Jacques.
Die Movado Group behält einen Minderheitsanteil von fünf Prozent. Der Abschluss der Transaktion wird in den kommenden Monaten erwartet.
Die neue Eigentümerstruktur vereint unabhängige Haute Horlogerie, internationale Luxusmarkenführung und langjährige Erfahrung in der Entwicklung von Uhrenmarken. Eine Konstellation, die für die weitere Positionierung von EBEL interessant werden könnte.
Eine Marke mit eigenständiger Identität
EBEL wurde 1911 in La Chaux-de-Fonds von Eugène Blum und Alice Lévy gegründet. Der Markenname setzt sich aus den Anfangsbuchstaben von Eugène Blum et Lévy zusammen.
Besonders in den 1980er- und 1990er-Jahren gehörte EBEL zu den international bedeutenden Schweizer Uhrenmarken. Die Sport Classic mit ihrem charakteristischen Wellenarmband und den sichtbaren Schrauben auf der Lünette wurde zu einer Designikone. Auch die Kollektionen 1911 und Beluga prägten die gestalterische Identität der Marke.
Nach der Übernahme durch LVMH 1999 und dem Wechsel zur Movado Group im Jahr 2004 veränderte sich ihre Marktstellung. EBEL erreichte nicht mehr die internationale Aufmerksamkeit ihrer erfolgreichsten Jahre, blieb jedoch eine etablierte Marke mit einer eigenständigen Kollektion und einer treuen Kundschaft.
Insbesondere die Sport Classic besitzt weiterhin große Bedeutung. Im INSIGHT-LUXURY-Interview anlässlich der INHORGENTA 2026 erklärte EBEL-Präsident Flavio Pellegrini, dass die Kollektion nahezu 70 Prozent des Absatzes ausmache. Auch der Fachhandel ist weiterhin ein wesentlicher Vertriebskanal. EBEL unterhält lediglich drei eigene Boutiquen und arbeitet überwiegend mit unabhängigen Juwelieren zusammen.
Der Eigentümerwechsel ist damit weniger als Wiederbelebung einer verschwundenen Marke zu verstehen. Vielmehr geht es um die Möglichkeit, eine bestehende Markenidentität unter neuen strategischen Voraussetzungen weiterzuentwickeln.
F.P. Journe, Chanel und Pierre Jacques: Eine besondere Konstellation
Angeführt wird die Übernahme von Montres Journe SA, der 1999 von François-Paul Journe gegründeten Genfer Manufaktur. F.P. Journe hat sich mit technisch anspruchsvollen mechanischen Uhren, einer eigenständigen Produktphilosophie und einer exklusiven Positionierung einen besonderen Platz innerhalb der unabhängigen Schweizer Uhrmacherei erarbeitet.
Mit Chanel ist zugleich eines der international bedeutenden Luxushäuser beteiligt. Das Unternehmen hält seit 2018 einen Anteil von 20 Prozent an Montres Journe SA. Die genaue Beteiligungsverteilung innerhalb der neuen EBEL-Eigentümergruppe wurde bislang nicht veröffentlicht.
Für die operative Führung ist Pierre Jacques vorgesehen. Der erfahrene Manager war zuvor CEO der Schweizer Manufaktur De Bethune und verfügt über langjährige Erfahrung im internationalen Luxusuhrenmarkt.
Seine Berufung unterstreicht den Anspruch, EBEL aktiv weiterzuentwickeln. Dabei treffen unterschiedliche Kompetenzen zusammen: die uhrmacherische Expertise von F.P. Journe, Chanels Erfahrung in der Luxusmarkenführung und Jacques‘ Kenntnisse in der Positionierung und Distribution unabhängiger Uhrenmarken.
Chanel baut seit Jahren ein Netzwerk in der Uhrenindustrie auf
Die Beteiligung an EBEL steht im Zusammenhang mit einer langfristigen Strategie, die Chanel seit mehreren Jahrzehnten verfolgt.
Neben den eigenen Uhrenkollektionen, darunter die Première und die J12, hat das Unternehmen systematisch in Schweizer Uhrmacher und spezialisierte Zulieferer investiert.
Bereits 1993 übernahm Chanel die Schweizer Manufaktur G&F Châtelain in La Chaux-de-Fonds, die unter anderem Gehäuse, Armbänder und weitere Komponenten fertigt.
Es folgten Beteiligungen an Bell & Ross (1998), dem unabhängigen Uhrmacher Romain Gauthier (2011) und F.P. Journe (2018). Im Jahr 2024 erwarb Chanel zudem 25 Prozent an der unabhängigen Haute-Horlogerie-Marke MB&F. Zu den jüngeren Investitionen zählt außerdem Kross Studio beziehungsweise Kross Manufacture.
Auch im industriellen Bereich hat Chanel seine Position ausgebaut. Das Unternehmen ist an der Schweizer Uhrwerkmanufaktur Kenissi beteiligt, die unter anderem Kaliber für Tudor und weitere Uhrenmarken entwickelt und produziert. Hinzu kommt mit Inmatec ein Spezialist für keramische Werkstoffe.
Bemerkenswert ist dabei der Ansatz: Chanel verfolgt bislang nicht das Ziel, die beteiligten Marken in einen zentral geführten Uhrenkonzern zu integrieren. Vielmehr unterstützt das Unternehmen unabhängige Hersteller und sichert sich zugleich Zugang zu uhrmacherischem Know-how, Fertigungskapazitäten und spezialisierten Technologien.
Die EBEL-Transaktion fügt sich in dieses Netzwerk ein, wobei die Marke durch ihre Geschichte, bestehende Kollektionen und internationale Vertriebsstruktur eine andere Ausgangsposition besitzt als viele der bisherigen Beteiligungen.
Movado konzentriert sich auf das Kerngeschäft
Für die Movado Group ist der Verkauf eine strategische Portfoliobereinigung.
Der börsennotierte amerikanische Konzern konzentriert sich auf Accessible Luxury sowie auf Modeuhren und Schmuck. Zum Portfolio gehören neben den eigenen Marken Movado, MVMT und Olivia Burton zahlreiche Lizenzmarken, darunter Hugo Boss, Tommy Hilfiger, Calvin Klein und Lacoste.
Diese Geschäftsmodelle unterscheiden sich von der Positionierung einer traditionsreichen Schweizer Uhrenmarke wie EBEL. Im Lizenzgeschäft stehen Markenbekanntheit, internationale Distribution und skalierbare Produktprogramme im Vordergrund. Die Entwicklung einer eigenständigen Schweizer Luxusuhrenmarke erfordert dagegen andere Schwerpunkte.
Der Verkauf ermöglicht Movado, seine Ressourcen stärker auf die strategischen Kernbereiche zu konzentrieren. EBEL erhält zugleich eine Eigentümerstruktur, deren Kompetenzen stärker auf die Entwicklung unabhängiger Uhrenmarken ausgerichtet sind.
Das Potenzial liegt auch im Design
Ein wesentlicher Vorteil von EBEL ist die unverwechselbare gestalterische Geschichte.
Während viele Schweizer Uhrenmarken ihre Positionierung vor allem über technische Komplikationen, Manufakturkaliber oder historische Leistungen in der Uhrmacherei definieren, verfügt EBEL über Designmerkmale mit hohem Wiedererkennungswert.
Das gilt insbesondere für das Wellenarmband der Sport Classic, aber auch für die Gehäuseformen und die Verbindung sportlicher und eleganter Elemente, die zahlreiche Modelle der Marke geprägt haben.
Gerade vor dem Hintergrund des wieder gestiegenen Interesses an historischen Uhrendesigns könnte dieses Erbe eine wichtige Grundlage für die künftige Entwicklung bilden.
Eine Neupositionierung müsste deshalb nicht zwangsläufig mit einer grundlegenden Veränderung der Produktidentität verbunden sein. Vielmehr könnte die Chance darin liegen, bestehende Stärken weiter auszubauen und neue Zielgruppen anzusprechen.
Konkrete Angaben zu künftigen Kollektionen, Preispositionierung oder Vertriebsstrategie liegen bislang allerdings nicht vor.
Auch das historische Erbe wechselt den Eigentümer
Zur Transaktion gehören neben Markenrechten, geistigem Eigentum und Lagerbeständen weitere Vermögenswerte. Dazu zählt die Villa Turque in La Chaux-de-Fonds, ein vom Architekten Le Corbusier entworfenes Gebäude.
Das historische Haus ist eng mit der Identität von EBEL verbunden und steht für die Verbindung von Architektur, Gestaltung und Uhrmacherei, die die Marke über Jahrzehnte geprägt hat.
Damit umfasst die Übernahme nicht nur das operative Geschäft, sondern auch einen bedeutenden Teil ihres kulturellen und gestalterischen Erbes.
Neue Perspektiven für eine etablierte Marke
Der Eigentümerwechsel bei EBEL zeigt zwei unterschiedliche strategische Ansätze innerhalb der Uhrenindustrie. Während Movado sein volumenorientiertes Marken- und Lizenzgeschäft weiter konzentriert, setzen die neuen Eigentümer auf ein Umfeld aus unabhängiger Uhrmacherei, Luxusmarkenführung und langfristiger Markenentwicklung.
Für EBEL bietet diese Konstellation neue Möglichkeiten. Die Marke verfügt über eine gewachsene Identität, etablierte Kollektionen und ein historisches Erbe, das sich auch heute noch klar von vielen Wettbewerbern unterscheidet.
Entscheidend wird sein, welche strategischen Schwerpunkte die neuen Eigentümer setzen und wie es gelingt, die bestehenden Stärken der Marke weiterzuentwickeln.
EBEL muss sich nicht neu erfinden. Die Chance liegt vielmehr darin, das vorhandene Potenzial unter veränderten Voraussetzungen konsequenter zu nutzen.






