Es lebe der Trend! Warum wir immer nach dem Neuen suchen
Schon wieder ein neuer Trend? Manch einer mag die Augen verdrehen. Zu schnelllebig, unverständlich und oberflächlich, vollkommen willkürlich – das alles kann man den Trends vorwerfen. Dabei steckt in Wahrheit so viel mehr dahinter. Trends sind auch ein Einblick in menschliche Bedürfnisse – und ein Wirtschaftstreiber, den man nicht unterschätzen sollte.
Links: Trendschmuck von Leonardo Ciao. © Leonardo
Trends als Launemacher und für Gemeinschaftsgefühl
Trends sind etwas Wunderbares! Man denke nur an den Sommer 2023, als durch den Barbie-Film die ganze Welt auf einmal ihre Lust an Pink und Rosa entdeckte und der Besuch im Kino für viele Fans regelrecht zu einem kleinen Laufsteg wurde – und auch darüber hinaus den Alltag der Menschen aufhellte.
Das Massenphänomen sorgte für gute Laune – und dafür, dass jedes Mode-, Schmuck- und Uhrenlabel sich bemühte, auf den pinken Barbie-Zug aufspringen. Das Ergebnis: pinke und hellblaue Zifferblätter bei Uhren, gepunktete und geblümte Kleider, niedliche Petticoats, pinke Schals und Blazer und rosa Hüte, pinke Diamanten und pinker Strass. Es war ein sehr femininer Trend, der diesen Sommer vor zwei Jahren beherrschte und der sicherlich bei dem einen oder der anderen ein nie dagewesenes Gefühl für Mode erschuf. Getauft wurde er übrigens auf den Namen „Barbiecore“.
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Der harte Kern hinter den Vorlieben
Kleiner Diskurs in die anglo-amerikanische Trendkultur – denn die meisten der Trends schwappen immer noch über den großen Teich zu uns nach Europa: Das Wort „core“ bedeutet im Grunde erst einmal nur „Kern“ auf Englisch, aber als Suffix angehängt beschreibt es, welches Thema sich die Fans zum sprichwörtlichen „Kern“ ihrer aktuellen Laune und ihres Lebens machen. Kleine Eselsbrücke: wie sehr sich manche Menschen nach Trends ausrichten, kann mitunter schon richtig „hardcore“ sein. Merken Sie was?
Die Mode- und Dekowelt kennt außer „Barbiecore“ auch „Vintagecore“ – relativ selbsterklärend – oder „Cottagecore“, was man etwa mit „Landhausromantik“ übersetzen könnte. „Campcore“ beschreibt die Ästhetik eines Outdoor-Lifestyles, geprägt von erdigen und natürlichen Farbtonen, Daunenjacken und Wildlederschuhen.
Wer sich ein genaueres Bild von diesen Trends und Stilrichtungen machen möchte, wird unter den oben genannten Begriffen bei Pinterest fündig. Probieren Sie es gerne auch mit eigenen Wortschöpfungen. Womöglich hat das Internet auch Beispiele zu „Footballcore“ oder „Golfcore“ parat. Der Begriff des „-core“ gestaltet sich tatsächlich sehr praktisch.
Ausbruch aus dem Alltag und Identitätsfindung
Böse Zungen mögen behaupten, es sei albern, kollektiv jedem neuen Trend hinterherzurennen. Man könnte auch Gruppenzwang unterstellen. Wo bleibt denn da der Individualismus?
Doch in Wahrheit schließen sich Trend und Individualismus gegenseitig nicht aus. Im Fall von „Barbiecore“ gab es neben Barbie ja auch noch Ken. Unabhängig vom Geschlecht konnte jeder Barbie-Fan oder motivierter Nachahmer etwas finden, um am „Barbiecore“-Trend teilzunehmen.


Gleichzeitig symbolisierte das Traumland von Barbie mit seinen Pastelltönen einen willkommenen Ausbruch aus dem Alltag. Auch dafür sind Trends da. Sie sind schnelllebig und volatil, sie haben etwas teenagerhaftes – und – zugegeben: Teenager folgen diesen Trends oft am meisten. Sie generieren sie oft selbst und sorgen dafür, dass sie weitergetragen werden. Soziale Medien wie TikTok und Instagram verleihen den Trends zusätzlichen Schwung und Reichweite. Der schnelle Wechsel von Styles und Vorlieben ist ein wichtiger Teil der Identitätsfindung. Es ist gut, dass unsere Gesellschaft den Menschen Raum gibt, sich auszuprobieren, quasi eine Haut anzulegen und diese auch wieder abzulegen, wenn sie nicht passt. Wer im Handel arbeitet und mit seinem Angebot Trends mitmacht, darf sich damit auch als Helfer bei der jugendlichen Identitätsfindung sehen – und natürlich auch bei allen anderen Menschen, die das Teenager-Alter bereits überschritten haben.
Kreativität und Kontinuität
Was eine Zeit lang „in“ ist, ist irgendwann auch wieder „out“. Auch das ist gut so und Teil eines kreativen Prozesses, gesellschaftlich und auch auf einem individuellen Level. „Out“ bedeutet aber erst einmal auch nicht viel mehr, als dass ein Großteil der Gesellschaft dem Trend eben nicht mehr folgt. Wer durch den Trend an sich eine neue Seite entdeckt hat oder einen Modestil, der gut gefällt, der darf ihn natürlich behalten. Es ist ja nichts schlecht oder kaputt, sondern nur nicht „in Mode“. Man kann und darf „die Mode“ ernst nehmen, aber man muss es nicht. In ihr spiegelt sich schließlich auch gesellschaftliche Normen. Manchmal tut es gut, ihnen zu folgen, manchmal ist der Ausbruch die richtige Entscheidung.

Außerdem wissen wir auch: Trends wiederholen sich – siehe „Vintagecore“. Auch das kann die Zyniker auf den Plan rufen. „Trends sind ja in Wahrheit gar nichts Neues!“
Stimmt. Trends sind Ausdruck eines Lebensgefühls und einer Stimmung, manchmal auch von Sehnsüchten. Wenn man etwas tiefer in die Materie geht, wird daher auch verständlich, warum die quietschbunten 80er, 90er- und 2000er-Jahre (Trendnamen „Retrocore“ und „Y2K“) ein Comeback feiern. Die inzwischen kaufkräftige Zielgruppe der Millennials (Jahrgänge 1980 bis 1996) beeinflusst mit ihrer Sehnsucht und Nostalgie für eine unbeschwerte Kindheit den Konsum – und damit auch das Angebot.
Ein bisschen Nostalgie und Sehnsucht
Beispiele gefällig? Werfen Sie einen Blick auf die beliebten Retro-Uhren von Casio, die Disney-Kollektionen von Pandora oder auf die Sonderkollektionen von TAG Heuer Racing-Uhren mit der Welt bekanntestem Klempner, Super Mario. Das Geld fließt in Konsumgüter, die uns Freude machen und mit wir uns identifizieren können, weil sie eben – Achtung, Trend! – unsere Identität mitgeformt haben, als wir aufgewachsen sind. Gerne ist man bereit, auch größere Summen auszugeben, um sich einen Teil dieses Gefühls von damals zurückzuholen – wenngleich in anderer Form. Denn die kostspielige TAG-Heuer-Uhr mit Mario im Display signalisiert auch: „Früher habe ich Videospiele gespielt, heute habe ich eine erfolgreiche Karriere“

Trends werden nicht einfach nur von irgendwem in einem Mode-Atelier gemacht – auch, wenn „Der Teufel trägt Prada“ in der berühmten Szene mit einem azurblauen Strickpulver es behauptet. Trends formen sich aus den Bedürfnissen und Sehnsüchtigen der Menschen.
Warum sonst sollte sich jemand wie Barbie stylen wollen, wie eine Heldin aus einem Jane-Austen-Roman oder wie ein verwegener Cowboy im wilden Westen? Das sind alles sehr plakative Beispiele und mögen wie Klischees klingen. Aber manchmal brauchen wir auch das: plakative, klischeehafte, unmissverständliche Eindeutigkeit.