Purvi Shah: Warum Verantwortung zur neuen Grundlage von Luxus wird
Interview mit Purvi Shah – Executive Director, Responsible Jewellery Council
Titel: Purvi Shah, Executive Director Responible Jewellery Council (C) RJC
Wie Transparenz, Rückverfolgbarkeit und gemeinsame Standards die Zukunft verantwortungsvollen Luxus prägen
Während die Schmuck- und Uhrenbranche mit wachsendem regulatorischem Druck, steigenden Erwartungen an Transparenz und zunehmender geopolitischer Komplexität konfrontiert ist, hat sich Verantwortung von einer freiwilligen Haltung zu einer Notwendigkeit entwickelt. Mit Purvi Shah als neu ernannter Executive Director tritt der Responsible Jewellery Council (RJC) in eine neue Phase ein – geprägt von Glaubwürdigkeit, Klarheit und langfristiger Wertschöpfung.
In diesem Interview skizziert Shah ihre Vision des RJC als weltweit anerkannte Referenz für verantwortungsvollen Luxus – weit über Zertifizierungen hinaus. Sie spricht über Rückverfolgbarkeit als strategisches Fundament, ESG als Treiber von Resilienz sowie Standards nicht als Einschränkung, sondern als Instrumente für Vertrauen, Orientierung und Fortschritt. In einem Moment, in dem die Branche ihre Integrität beweisen muss – nicht nur versprechen –, bietet dieses Gespräch Einblicke in die Art und Weise, wie Verantwortung die Zukunft von Schmuck und Uhrmacherei neu definiert.

Das Interview:
INSIGHT LUXURY: Frau Shah, Sie übernehmen die Führung des RJC in einer Phase tiefgreifender Veränderungen in der Schmuck- und Uhrenbranche. Was ist Ihre übergeordnete Vision für den RJC – und wie definieren Sie „verantwortungsvollen Luxus“ im Jahr 2026?
Purvi Shah:
Meine Vision für den RJC ist klar: Er soll als weltweit vertrauenswürdige Referenz für Verantwortung in der Schmuck- und Uhrenbranche positioniert werden – glaubwürdig, relevant und zukunftsorientiert. Während sich die Branche wandelt, muss sich auch der RJC weiterentwickeln: weg von der Wahrnehmung als reine Zertifizierungsstelle hin zu einem strategischen Partner für langfristige Wertschöpfung.
Im Jahr 2026 ist „verantwortungsvoller Luxus“ keine Ambition oder Differenzierung mehr, sondern eine Grundvoraussetzung. Er bedeutet, dass Schönheit, Handwerkskunst und Innovation untrennbar mit ethischer Beschaffung, Respekt gegenüber Menschen, Umweltschutz und Transparenz verbunden sind. Wahrer Luxus definiert sich nicht nur über den emotionalen Wert eines Produkts, sondern über die Integrität seiner Entstehung – über Sorgfalt, Verantwortung und Qualität entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
INSIGHT LUXURY: Viele Marken und Händler sehen den RJC als wichtigen Rahmen für verantwortungsvolles Wirtschaften. Wie beurteilen Sie die aktuelle Position und Wahrnehmung des Councils in der globalen Branche – und wo sehen Sie das größte Entwicklungspotenzial?
Purvi Shah:
Der RJC wird weltweit als das umfassendste Multi-Stakeholder-System anerkannt, das die gesamte Wertschöpfungskette von der Mine bis zum Handel abdeckt. Diese Breite ist eine unserer größten Stärken – insbesondere in einer Zeit, in der fragmentierte Standards Verwirrung und Ineffizienz erzeugen.
Das größte Entwicklungspotenzial liegt in der Vertiefung von Wirkung und Klarheit. Dazu gehören eine präzisere Kommunikation dessen, wofür eine RJC-Zertifizierung steht, eine stärkere Ausrichtung an regulatorischen Anforderungen sowie eine intensivere Unterstützung der Mitglieder bei der Umsetzung. Zudem sehen wir Chancen, verantwortungsvolle Geschäftspraktiken stärker als strategischen und wettbewerblichen Vorteil zu positionieren – nicht nur als Compliance-Thema.
INSIGHT LUXURY: Konsumentinnen und Konsumenten erwarten heute deutlich mehr Transparenz hinsichtlich Herkunft, Arbeitsbedingungen und Nachhaltigkeit. Wie will der RJC den Wert und die Glaubwürdigkeit seiner Standards gegenüber Endverbrauchern klarer vermitteln?
Purvi Shah:
Historisch lag der Fokus des RJC vor allem auf der Glaubwürdigkeit im B2B-Bereich. Das bleibt essenziell, doch wir erkennen zunehmend die Notwendigkeit, auch Endverbraucher besser zu erreichen – ohne komplexe Realitäten zu vereinfachen.
Unser Ansatz ist zweigleisig: Erstens stellen wir sicher, dass unsere Standards robust und konsistent sind, damit jede Kommunikation inhaltlich fundiert ist. Zweitens arbeiten wir mit unseren Mitgliedern daran, Zertifizierungen in klare, ehrliche Geschichten zu übersetzen, die Verbraucher verstehen und denen sie vertrauen können. Transparenz bedeutet nicht Perfektion zu behaupten, sondern Engagement, Fortschritt und Verantwortlichkeit sichtbar zu machen.
INSIGHT LUXURY: Das Standards Committee wurde kürzlich neu aufgestellt und repräsentiert nun nahezu die gesamte Wertschöpfungskette. Welche Impulse erwarten Sie von diesem Gremium, und wie wird es die Weiterentwicklung der RJC-Standards prägen?
Purvi Shah:
Die bisherigen Mitglieder des Standards Committee waren über lange Zeiträume in einer entscheidenden Phase tätig, in der zentrale Standards entwickelt und eingeführt wurden. Diese Kontinuität ermöglichte es, ein starkes und vielfältiges Team aus Industrie- und externen Stakeholdern aufzubauen, das maßgeblich zur Weiterentwicklung des Code of Practices und der Chain of Custody sowie zur Einführung des neuen Standards für im Labor erzeugte Materialien beigetragen hat. Für dieses Engagement sind wir sehr dankbar.
Das neu strukturierte Komitee bringt nun frische Perspektiven aus der gesamten Schmuck- und Uhrenwertschöpfungskette ein. Zusätzlich haben wir neue Expertinnen und Experten außerhalb der Industrie aufgenommen, etwa aus den Bereichen Frauenrechte sowie internationale Regulierung. Diese Vielfalt erlaubt es uns, die Relevanz und Glaubwürdigkeit unserer Standards weiter zu stärken und sie enger an reale Herausforderungen, neue Risiken und regulatorische Entwicklungen anzupassen.
INSIGHT LUXURY: Sie waren direkt an zentralen RJC-Standards wie COP 2024, COC 2024 und dem LGMS beteiligt. Welche Themen möchten Sie als Executive Director priorisieren – insbesondere im Hinblick auf Rückverfolgbarkeit, ESG-Anforderungen und neue Materialkategorien?
Purvi Shah:
Rückverfolgbarkeit bleibt eine strategische Priorität – nicht als Selbstzweck, sondern als Grundlage für glaubwürdige Aussagen, Risikomanagement und regulatorische Konformität. Ebenso wichtig ist die Weiterentwicklung der ESG-Anforderungen, insbesondere in den Bereichen menschenrechtliche Sorgfaltspflichten, Klimaschutz und verantwortungsvolle Beschaffung.
Gleichzeitig beobachten wir neue Materialkategorien wie laborgezüchtete Materialien oder recycelte Rohstoffe sehr genau. Hier sind Klarheit, Konsistenz und Glaubwürdigkeit entscheidend. Die Aufgabe des RJC ist es, technologieneutrale, risikobasierte und innovationsfähige Rahmenwerke bereitzustellen.
INSIGHT LUXURY: Die geopolitische Lage wird zunehmend komplexer, Lieferketten stehen unter Druck und regulatorische Anforderungen nehmen weltweit zu. Wie beeinflusst das die Arbeit des RJC – und wie kann der Council Unternehmen in diesem Umfeld unterstützen?
Purvi Shah:
Geopolitische Unsicherheiten unterstreichen die Bedeutung risikobasierter, international abgestimmter Ansätze für verantwortungsvolles Wirtschaften. Lieferketten sind heute stärker denn je Störungen, öffentlicher Aufmerksamkeit und Reputationsrisiken ausgesetzt.
Der RJC unterstützt Unternehmen durch weltweit anerkannte Standards, die mit neuen regulatorischen Anforderungen im Einklang stehen. Darüber hinaus bieten wir praxisnahe Leitlinien, mit denen Mitglieder Risiken identifizieren, bewerten und mindern können – angepasst an ihre jeweiligen Kontexte. In unsicheren Zeiten werden Konsistenz und Glaubwürdigkeit zu zentralen Erfolgsfaktoren.
INSIGHT LUXURY: Der Kimberley-Prozess steht derzeit stark in der Kritik. Wie beurteilen Sie die Situation, und kann der RJC ergänzende Mechanismen bieten, um ethische Standards in der Diamantlieferkette sicherzustellen?
Purvi Shah:
Der Kimberley-Prozess spielt weiterhin eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung des Handels mit Konfliktdiamanten. Es handelt sich um ein UN-mandatiertes System, das primär von Regierungen getragen wird und auf die Zertifizierung von Rohdiamanten abzielt.
Der RJC ersetzt den Kimberley-Prozess nicht, sondern integriert dessen Anforderungen in seinen Code of Practices. Darüber hinaus geht der RJC deutlich weiter, indem er Unternehmen ermöglicht, verantwortungsvolle Geschäftspraktiken über ein breites ESG-Spektrum hinweg nachzuweisen – geprüft durch unabhängige Drittauditoren.
INSIGHT LUXURY: Trotz hoher Anerkennung sieht sich der RJC auch Kritik gegenüber – etwa hinsichtlich Transparenz, möglicher Interessenkonflikte oder Auditqualität. Wie wollen Sie diesen Punkten begegnen?
Purvi Shah:
Konstruktive Kritik ist essenziell für jede glaubwürdige Organisation, und wir nehmen diese Anliegen sehr ernst. Vertrauen erfordert Transparenz, starke Governance-Strukturen und kontinuierliche Weiterentwicklung.
Zu unseren Prioritäten zählen eine stärkere Aufsicht über Auditoren, eine höhere Konsistenz der Prüfergebnisse sowie eine offenere Kommunikation darüber, wie Standards entwickelt und angewendet werden. Ebenso arbeiten wir daran, die Unabhängigkeit unserer Systeme weiter zu stärken und klare Verantwortlichkeitsmechanismen sicherzustellen. Glaubwürdigkeit ist kein statischer Zustand – sie muss aktiv gepflegt werden.
INSIGHT LUXURY: Viele Akteure fordern eine stärkere internationale Harmonisierung von ESG-Begriffen, Standards und regulatorischen Anforderungen. Welche Rolle sollte der RJC dabei spielen?
Purvi Shah:
Der RJC ist gut positioniert, um als Brücke zwischen industrieller Praxis, regulatorischen Rahmenwerken und internationalen Normen zu fungieren. Unser Ziel ist es nicht, parallele Systeme zu schaffen, sondern globale Erwartungen so zu operationalisieren, dass sie für die Schmuck- und Uhrenbranche praktikabel sind.
Wir arbeiten eng mit anderen Organisationen zusammen, etwa mit CIBJO im Rahmen der Blue List, sowie mit weiteren Standardsetzern, um Harmonisierung und gegenseitige Anerkennung voranzutreiben. Der RJC versteht sich dabei als Plattform für Dialog und Abstimmung – mit dem Ziel, Doppelarbeit zu reduzieren, Klarheit zu schaffen und durch gemeinsame Standards echte Wirkung zu erzielen.






