Dr. Gunnar Binder, CEO CHRIST: „Die Schmuckbranche ist stabiler, als viele denken“
Dr. Gunnar Binder im Gespräch mit INSIGHT-LUXURY über Marktlage, Trading-up, Omnichannel und Services bei CHRIST.
Auf der Inhorgenta traf sich die internationale Schmuck- und Uhrenbranche im Februar, um Trends, Innovationen und Marktimpulse zu diskutieren. Wir sprachen dort mit Dr. Gunnar Binder CEO von Christ Juweliere und Uhrmacher, über die aktuelle Entwicklungen im Handel, verändertes Konsumentenverhalten und die strategische Ausrichtung des Unternehmens in einem dynamischen Marktumfeld. Als langjähriger Handelsexperte verantwortet Binder die strategische Weiterentwicklung des traditionsreichen Juweliers und treibt insbesondere die Omnichannel-Transformation sowie die Positionierung der Marke im Premiumsegment voran.

INSIGHT -LUXURY: Herr Dr. Binder, die gesamtwirtschaftliche Lage in Deutschland wird derzeit oft sehr negativ beschrieben. Wie erleben Sie die Situation in der Schmuckbranche – und speziell bei CHRIST?
Dr. Gunnar Binder:
Ich nehme die Lage differenzierter wahr. Für die Schmuckbranche insgesamt sehe ich eine bemerkenswerte Stabilität. Sie erweist sich als resilient – vielleicht mehr, als viele erwarten. Schmuck ist kein rein funktionales Produkt, sondern emotional aufgeladen – häufig verbunden mit besonderen Lebensereignissen. Diese emotionale Komponente stabilisiert die Nachfrage, selbst in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten.
Für CHRIST gilt: Wir profitieren von unserer starken Markenbekanntheit, unserem breiten Sortiment und unserer klaren Positionierung als moderner, serviceorientierter Juwelier. Insgesamt sehen wir ein moderates Wachstum. Wir gewinnen Marktanteile – und sind damit sehr zufrieden.
INSIGHT -LUXURY: Hat der gestiegene Goldpreis möglicherweise das Wertigkeitsgefühl verstärkt?
Dr. Gunnar Binder:
Das spielt uns durchaus in die Karten. Der Goldpreis ist deutlich gestiegen, und damit auch die Preise für Goldschmuck. Dennoch verkaufen wir mehr Goldprodukte als zuvor. Diese Materialien stehen für Wertigkeit, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit. Das zeigt: Die Kundinnen und Kunden sind bereit, in Wertigkeit zu investieren.
Unsere strategische Ausrichtung geht in Richtung höherwertiger Schmuck. Damit steigt auch der durchschnittliche Bon – und genau das haben wir im vergangenen Jahr deutlich gesehen.
INSIGHT -LUXURY: Sie haben im vergangenen Jahr eine stärkere Fokussierung auf Trading-up angekündigt. Wie hat sich diese Strategie entwickelt?
Dr. Gunnar Binder:
Mit unserer Strategie setzen wir konsequent auf Qualität, Wertigkeit und Profilierung. Ziel ist es, CHRIST noch deutlicher als hochwertigen, modernen Juwelier mit starkem Serviceversprechen zu positionieren.
Unser Markenportfolio haben wir auch im vergangenen Jahr weiter geschärft. Wir haben uns von einzelnen Marken getrennt, um uns stärker auf strategisch relevante Partner zu konzentrieren. Im Einstiegs- und Mittelsegment haben wir etwa die Zusammenarbeit mit Pandora erweitert. Im höherpreisigen Uhrenbereich haben wir die Kooperation mit der Swatch Group ausgebaut und zusätzliche Standorte mit dieser Marke ausgestattet.
Im gehobenen Schmucksegment setzen wir verstärkt auf unsere Eigenmarke CHRIST.
Die wichtigste Kennzahl ist für mich immer der Durchschnittsbon und der ist deutlich gestiegen. Das bestätigt, dass unsere Strategie funktioniert.
INSIGHT -LUXURY: Wie wichtig ist das Zusammenspiel von Online- und stationärem Handel?
Dr. Gunnar Binder:
Die Weiterentwicklung hin zu einem konsequenten Omnichannel-Modell mit „Customer First“-Mentalität war ein strategisch wichtiger Schritt und entspricht klar dem heutigen Konsumverhalten.
Unsere Daten zeigen, dass viele Kundinnen und Kunden sich online informieren und dann im Store kaufen. Es gibt aber auch den umgekehrten Weg: im Geschäft anschauen, später online bestellen.
Der Omnichannel-Ansatz ist zentral. Größtes Potenzial liegtvor allem in der noch stärkeren Verzahnung beider Kanäle – etwa bei Preisstrategie, Sortimentssteuerung und Kundenerlebnis. Ziel ist eine nahtlose Customer Journey, in der Online-Information, digitale Services und persönliche Beratung im Store optimal ineinandergreifen.
Unsere stationären Standorte bleiben das Herzstück der Marke CHRIST. Besonders interessant ist unsere Expansion in Österreich. Mit der Eröffnung neuer Stores ist auch der Online-Umsatz überproportional gestiegen. Das zeigt, wie stark sich physische Präsenz und digitale Kanäle gegenseitig befeuern.
INSIGHT -LUXURY: Wird CHRIST auch weiterhin neue Standorte eröffnen und in welchen Lagen?
Dr. Gunnar Binder:
Wir halten an unserer Expansionsstrategie fest, sechs bis acht neue Standorte pro Jahr zu entwickeln. Für dieses Jahr planen wir acht bis zehn Neueröffnungen. Unsere Store-Strategie trägt nachhaltig zum Unternehmenswachstum bei, auch wenn neue Standorte Zeit benötigen, um ihr volles Potenzial zu entfalten.
Parallel treiben wir Modernisierungen konsequent voran, um unser Marken- und Storekonzept schneller und einheitlicher in die Fläche zu bringen.
INSIGHT -LUXURY: Nachhaltigkeit ist weiterhin präsent – aber hat sie noch dieselbe Bedeutung wie vor einigen Jahren?
Dr. Gunnar Binder:
Nachhaltigkeit ist heute ein unverzichtbarer Bestandteil unternehmerischen Handelns. Sie ist jedoch nur begrenzt ein aktives Kaufargument. Kundinnen und Kunden entscheiden primär nach Design, Preis und Emotionalität. Wenn Nachhaltigkeit zusätzlich erfüllt ist, wirkt sie positiv – aber sie ist selten ausschlaggebend.
Nachhaltigkeit ist für uns kein Trend, sondern strategisch verankert, auch auf Gruppenebene. Die gesamte Produktion des selbst hergestellten Schmucks innerhalb der Morellato Gruppe ist nach höchsten Nachhaltigkeitsstandards des Responsible Jewellery Council (RJC) zertifiziert. CHRIST istseit vergangenem Jahr auch eigenständig RJC-zertifiziert. Das unterstreicht unseren Anspruch, verantwortungsvolle Standards in der Lieferkette zu erfüllen – unabhängig davon, wie stark dies kommunikationsseitig wirkt.
INSIGHT -LUXURY: Wie bewerten Sie das Thema der synthetischen Diamanten?
Dr. Gunnar Binder:
Bei Lab-Grown Diamonds beobachten wir eine steigende Marktakzeptanz. Das allgemeine Wissensniveau zu synthetischen Diamanten ist allerdings noch gering. Laut einer CHRIST-Umfrage kennen nur rund zehn Prozent den Begriff – und noch weniger verstehen die Unterschiede im Detail.
Für uns sehen wir hier jedoch auch Chancen. Wir bieten sowohl natürliche als auch im Labor gezüchtete Diamanten an. Wichtig ist eine faire, transparente Kommunikation. Letztlich bedienen wir mit diesen Steinen unterschiedliche Bedürfnisse und Zielgruppen.
INSIGHT -LUXURY: Welche Rolle spielt CHRIST innerhalb der Morellato Group?
Dr. Gunnar Binder:
Mit der Integration in die Morellato Group haben wir unser Portfolio strategisch geschärft und hochwertiger ausgerichtet, ohne unsere Wurzeln als klassischer Juwelier zu verlieren.
Die größten Synergien sehen wir in Einkauf, Produktion, Markenführung und internationalem Know-how.
Gleichzeitig ist es wichtig, die Eigenständigkeit der Marke CHRIST bewusst zu bewahren. Unsere starke Marktposition in Deutschland, unsere Kundennähe und unser spezifisches Markenprofil bleiben zentrale Erfolgsfaktoren. Die Balance zwischen gruppenweiter Stärke und lokaler Markenidentität ist dabei entscheidend.
Für Endkundinnen und Endkunden ist die Konzernstruktur kaum sichtbar. Wahrnehmbar ist eher eine gezielte Weiterentwicklung des Markenportfolios.
INSIGHT -LUXURY: Kommen Kundinnen und Kunden eher markenorientiert oder produktorientiert in die Stores?
Dr. Gunnar Binder:
Im Uhrenbereich ist die Markenorientierung deutlich ausgeprägt. Wer eine bestimmte Marke sucht, möchte genau dieses Produkt. Im Schmuckbereich ist die Offenheit größer – hier steht häufig das Design im Vordergrund und unsere Kundinnen und Kunden freuen sich über eine professionelle Beratung zum perfekten Schmuckstück in der Filiale.
INSIGHT -LUXURY: Was sind Ihre strategischen Ziele für 2026?
Dr. Gunnar Binder:
Unsere Grundstrategie bleibt bestehen: Fokus auf Eigenmarken im Schmuckbereich, strategische Markenpartnerschaften im Uhrenbereich, Expansion und Ausbau von Serviceleistungen.
Entscheidend bleiben starke Standorte, Kundennähe, ein klares Markenprofil, hohe Servicequalität sowie die konsequente Verbindung von stationärem Handel und digitalen Angeboten.
Services spielen eine wachsende Rolle. Wir haben Goldankauf eingeführt – mit transparenten Prozessen und klar nachvollziehbarer Bewertung. In diesem Jahr folgt flächendeckend Gravur als Personalisierungsservice. Training ist dabei essenziell. Wir haben gelernt, dass neue Services intensive Schulungen erfordern. Das investieren wir bewusst – nicht zuletzt, um den Arbeitsplatz im Handel attraktiver zu gestalten.






