Deutsche Schmuck- und Uhrenindustrie: Mai-Zahlen bleiben erklärungsbedürftig
Außenhandelswerte mit Fragezeichen
Die aktuellen Außenhandelszahlen der deutschen Schmuck- und Uhrenindustrie zeigen auch im Mai 2026 ein uneinheitliches Bild. Nach den außergewöhnlich hohen Werten im ersten Quartal, die INSIGHT-LUXURY bereits als „Rekordzahlen mit Fragezeichen“ eingeordnet hatte, bleibt die Entwicklung erklärungsbedürftig: Import- und Exportwerte lassen sich weiterhin nicht ohne Blick auf Edelmetallpreise, Lagerbewegungen und internationale Nachfrage lesen. Im ersten Quartal hatte INSIGHT-LUXURY bereits darauf hingewiesen, dass stark gestiegene Edelmetallpreise Außenhandelswerte erhöhen können, ohne dass reale Stückzahlen oder tatsächliche Nachfrage im gleichen Maß wachsen. (insight-luxury.com)
Der Bundesverband Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien weist ausdrücklich darauf hin, dass sich die veröffentlichten Zahlen auf Import- und Exportwerte beziehen – nicht auf Verbraucherpreise und nicht auf Ergebnisse einzelner Unternehmen. Zudem können die Daten vom Statistischen Bundesamt nachträglich korrigiert oder angepasst werden.
Schmuck: starke Ausschläge im Monatsvergleich
Im Mai 2026 lagen die Schmuckexporte bei 605,3 Millionen Euro. Gegenüber dem Vormonat bedeutet das einen deutlichen Rückgang um 31,6 Prozent; im Vergleich zum Mai 2025 ergibt sich jedoch nur ein leichtes Minus von 0,4 Prozent. Die Schmuckimporte erreichten dagegen 747,9 Millionen Euro und lagen damit 4,4 Prozent über dem Vormonat sowie 33,5 Prozent über dem Vorjahresmonat.


Uhren: stabiler, aber ohne klare Dynamik
Bei Uhren und Uhrenteilen fiel die Entwicklung ruhiger aus. Die Exporte lagen im Mai bei 160,3 Millionen Euro und damit 0,8 Prozent über dem Vormonat, aber 3,0 Prozent unter Mai 2025. Die Importe erreichten 217,2 Millionen Euro, ein Plus von 0,4 Prozent gegenüber April und ein Minus von 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Damit bestätigt sich eine Beobachtung aus dem ersten Quartal: Schmuck- und Uhrenzahlen müssen unterschiedlich gelesen werden. Im Q1 hatte sich die deutsche Uhrenindustrie laut INSIGHT-LUXURY deutlich stabiler entwickelt als das Schmucksegment und war weniger unmittelbar von den Edelmetallpreisen beeinflusst. Gleichzeitig fehlten auch dort größere Wachstumsimpulse. (insight-luxury.com)


Edelmetalle wirken zeitversetzt
Für Mai ist der Zusammenhang zwischen Edelmetallpreisen und Außenhandelswerten weniger direkt als im ersten Quartal, aber weiterhin relevant. Zwar fielen die Goldpreise im Mai nur noch moderat und Silber zeigte sich nahezu stabil. Die deutlichen Korrekturen aus März und April können jedoch über Lagerbestände, Einkaufszeitpunkte, laufende Aufträge, Fakturierung und verzögerte Warenbewegungen weiter in die Mai-Statistik hineinwirken.
Bei Schmuck ist dieser Zusammenhang besonders naheliegend. Gold, Silber und Platin bestimmen einen erheblichen Teil des Warenwerts. Der Rückgang der Schmuckexporte um 31,6 Prozent gegenüber April lässt sich daher nicht allein mit der Preisentwicklung des Monats Mai erklären. Wahrscheinlicher ist ein Zusammenspiel aus Nachwirkungen der vorangegangenen Preisrally und Korrektur, Exporttiming, Lagerbewegungen und schwankender internationaler Nachfrage. Gleichzeitig lagen die Schmuckexporte im Vergleich zum Vorjahresmonat nur 0,4 Prozent niedriger, was den starken Monatsrückgang relativiert.
Auch der Anstieg der Schmuckimporte um 4,4 Prozent gegenüber April sollte nicht isoliert betrachtet werden. Nach den starken Edelmetallpreisen zu Jahresbeginn und den anschließenden Rücksetzern können Importe durch Nachzieheffekte, günstiger wahrgenommene Einkaufszeitpunkte, Lageraufbau oder veränderte Warenströme beeinflusst worden sein. Im Vorjahresvergleich bleibt der Preiseffekt besonders relevant: Die Schmuckimporte lagen 33,5 Prozent über Mai 2025, während das allgemeine Preisniveau bei Gold und Silber weiterhin deutlich höher war als im Vorjahr.

Uhren folgen einer anderen Logik
Bei Uhren fällt die Korrelation zu Edelmetallen weniger direkt aus. Viele Uhren und Uhrenteile bestehen nicht überwiegend aus Edelmetall; bei Stahl-, Titan-, Keramik- oder Komponentenware spielen andere Faktoren eine größere Rolle. Dennoch wirken Edelmetallpreise indirekt auf das Segment: über Gold- und Bicolor-Modelle, Gehäuse- und Bandmaterialien, Lagerwerte, Preispositionierung und die Nachfrage nach höherwertigen Modellen.
Die Mai-Zahlen zeigen hier ein stabileres, aber ebenfalls verhaltenes Bild. Die Exporte von Uhren und Uhrenteilen lagen bei 160,3 Millionen Euro, leicht über dem Vormonat, aber 3,0 Prozent unter Mai 2025. Die Importe erreichten 217,2 Millionen Euro, nahezu unverändert gegenüber April und 1,1 Prozent unter dem Vorjahresmonat. Das deutet weniger auf starke Rohstoffeffekte als auf eine Seitwärtsbewegung mit begrenzter Dynamik hin.
Was die Mai-Zahlen zeigen
Die Mai-Zahlen zeigen damit keine einfache Abkopplung von den Edelmetallpreisen, sondern eine unterschiedliche Wirkung je nach Warengruppe. Schmuck bleibt stark vom Materialwert und von nachlaufenden Preiseffekten geprägt. Uhren reagieren weniger unmittelbar auf Gold und Silber, spiegeln aber internationale Nachfrage, Lagerbewegungen, Preissegmente und Produktmix wider. Gerade deshalb bleiben wertmäßige Außenhandelsdaten erklärungsbedürftig.
Hard Facts Mai 2026
605,3 Mio. Euro
Schmuckexporte im Mai 2026; minus 31,6 Prozent gegenüber dem Vormonat, minus 0,4 Prozent gegenüber Mai 2025.
747,9 Mio. Euro
Schmuckimporte im Mai 2026; plus 4,4 Prozent gegenüber dem Vormonat, plus 33,5 Prozent gegenüber Mai 2025.
160,3 Mio. Euro
Exporte von Uhren und Uhrenteilen; plus 0,8 Prozent gegenüber dem Vormonat, minus 3,0 Prozent gegenüber Mai 2025.
217,2 Mio. Euro
Importe von Uhren und Uhrenteilen; plus 0,4 Prozent gegenüber dem Vormonat, minus 1,1 Prozent gegenüber Mai 2025.
Ausblick Restjahr 2026: Stabilisierung mit Aufwärtsrisiko
Nach der starken Korrektur seit den Rekordständen zu Jahresbeginn spricht für Gold und Silber im Restjahr 2026 eher eine Stabilisierung als eine schnelle Rückkehr zur Rallye. Gold hat im Juli im Bereich um 4.000 US-Dollar je Feinunze einen Boden ausgebildet; viele Prognosen sehen das Jahresende wieder höher, etwa im Korridor von 4.500 bis 4.900 US-Dollar. Gestützt wird der Markt durch geopolitische Unsicherheit und anhaltende Zentralbanknachfrage. Laut World Gold Council erwarten 89 Prozent der befragten Zentralbanken, dass die globalen Goldreserven in den kommenden zwölf Monaten weiter steigen.
Gleichzeitig bleibt der Gegenwind durch hohe Zinsen, US-Dollar und Realrenditen bestehen. Der World Gold Council beschreibt das zweite Halbjahr entsprechend als Phase, in der Gold stark von Geopolitik, Zinserwartungen und Anlegerpositionierung geprägt bleibt. Für die Schmuckbranche bedeutet das: Gold dürfte nicht deutlich günstiger werden. Preis- und Kalkulationsdruck bleiben bestehen, auch wenn die extremen Ausschläge des ersten Halbjahres vorerst abgeklungen sind.
Bei Silber ist das Bild volatiler. Der Preis hat stärker korrigiert als Gold, besitzt aber durch die strukturelle Knappheit mehr Aufholpotenzial. Die LBMA nennt für 2026 einen Analystendurchschnitt von 79,57 US-Dollar je Feinunze; zugleich bleibt die Spanne der Prognosen breit. Der entscheidende Unterschied zu Gold: Silber wird nicht nur als Anlagewert, sondern stark industriell nachgefragt. Bleibt das erwartete Angebotsdefizit bestehen, kann sich der Preis im zweiten Halbjahr schneller erholen als Gold.
Für die Branche ergibt sich daraus ein klares Bild: Edelmetalle bleiben bis Jahresende ein Wert- und Risikofaktor. Schmuckhersteller und Handel müssen weiter mit schwankenden Einkaufspreisen, schwieriger Kalkulation und erklärungsbedürftigen Endpreisen rechnen. Gleichzeitig stützt das hohe Preisniveau die Wahrnehmung von Gold, Silber und Platin als reale Materialwerte. Produkte mit klar erkennbarem Edelmetallanteil gewinnen damit an Substanzargument – geraten aber stärker unter Preisprüfung.
Quellen und Datenquellen Edelmetallpreise:
Bundesverbands Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien (BVSU)
Die Preis- und Prognosedaten zu Gold, Silber und Platin basieren auf folgenden Quellen:
Heraeus Precious Metals – Edelmetallprognose 2026
Prognosespannen für Gold, Silber und Platin sowie Einschätzungen zu Angebots- und Nachfrageentwicklung.
World Gold Council (WGC)
Einordnung der Goldpreisentwicklung, Zentralbankkäufe, geopolitische Risiken und Marktumfeld im zweiten Halbjahr 2026.
London Bullion Market Association (LBMA)
Referenzpreise für Gold sowie Analysteneinschätzungen und Prognosen zu Edelmetallen, insbesondere Gold und Silber.
Reuters / HSBC
Aktuelle Marktberichte und Prognosen zur Goldpreisentwicklung, unter anderem zur erwarteten Preisentwicklung bis Jahresende 2026.
The Silver Institute / World Silver Survey 2026
Daten zur Silbernachfrage, zum erwarteten Angebotsdefizit und zur industriellen Nachfrage.
J.P. Morgan, Goldman Sachs, UBS, Société Générale
Ergänzende Analystenprognosen zu Gold und Silber für das zweite Halbjahr und Jahresende 2026.
Arbeitsdaten aus der Beitragsrecherche, Stand 21. Juli 2026
Verwendete Kursstände und gerundete Monatswerte für die grafische Darstellung der Gold- und Silberpreisentwicklung.






