A Moment at: Die erstaunliche Reise durch den Kosmos von Franck Muller
Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, die Manufaktur Franck Muller zu besuchen. Die zweitägige Reise war überaus intensiv und lohnenswert. Sie führte mich vom einzigartigen Watchland bei Genf bis zum Jurabogen, dem historischen und industriellen Herz der Schweizer Uhrmacherei.
Nach mehr als 25 Jahren in der Branche und zahlreichen Manufakturbesuchen glaubte ich, kaum noch überrascht werden zu können. Franck Muller hat es geschafft. Nicht wegen einer einzelnen Uhr oder Komplikation, sondern weil man hier tatsächlich einen eigenen Kosmos betritt – einen Kosmos, der polarisiert.



Integrierte, vertikale Fertigung
Während viele Hersteller wesentliche Komponenten wie Gehäuse, Zifferblätter, Armbänder oder auch Uhrwerke von spezialisierten Zulieferern beziehen, geht Franck Muller mit mehreren hochspezialisierten Produktionsstätten einen anderen Weg.
Ich durfte sie alle besichtigen und stellte dabei fest: Es geht schneller, aufzuzählen, welche Komponenten die Marke nicht selbst fertigt. Dazu gehören die meisten Spiral- und Zugfedern, Lagersteine oder Saphirgläser. Alles andere entsteht in Eigenregie. Und zwar exklusiv für den eigenen Bedarf. In der Schweizer Uhrenindustrie ist dies in dieser Konsequenz die Ausnahme und unterstreicht den Anspruch der Marke auf größtmögliche Unabhängigkeit.
Watchland – die etwas andere Uhrenmanufaktur

Watchland, dieses riesige schlossartige Anwesen mit Türmchen, Freitreppen und gepflegten Gärten direkt am Genfer See mit Blick auf den Mont Blanc, erinnert auf den ersten Blick an ein Filmset aus der Harry-Potter-Welt. Rund um das 1905 errichtete neugotische Château Grand Malagny entstand ein repräsentativer Campus, der traditionelle Architektur mit modernster Fertigung verbindet.



Und in gewisser Weise wird auch in Watchland gezaubert. Zum Vorschein kommen aber nicht weiße Kaninchen oder zersägte Jungfrauen. Denn hinter der märchenhaften Kulisse verbirgt sich eine hochmoderne Uhrenmanufaktur, in der mehrere hundert Spezialisten an allen abschließenden Fertigungsschritten einer Franck-Muller-Uhr arbeiten.



Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche Bandbreite an außergewöhnlichen Uhren – von Quarz bis Mechanik, von großen Komplikationen bis zu unbeschwert bunten Zeitmessern. Stets dabei: das ausdrucksstarke Franck-Muller-Design mit seinen unverwechselbaren, meist geschwungenen Gehäuseformen.


In Watchland finden Entwicklung, Montage, Veredelung, Qualitätskontrolle und Service unter einem Dach statt. Hinzu kommen Teile der Gehäusefertigung, das Edelsteinfassen sowie die Produktion zahlreicher Kleinteile, vom kleinsten Schräubchen bis zu Komponenten für hochkomplizierte Kaliber.



Besonders eindrücklich ist die Abteilung für große Komplikationen. Hier herrscht die angenehm ruhige und zugleich hochkonzentrierte Atmosphäre, welche Uhrmacher bei ihrer Arbeit ausstrahlen. Bei den komplizierten Uhrwerken findet die sogenannte Einzelplatzmontage statt. Das heißt, ein Uhrmacher baut das Werk von Anfang bis Ende zusammen. Das kann bei einer „Crazy Hours“ mit ihrer verrückten springenden Stundenanzeige bereits drei Tage, bei einem Tourbillon weitaus mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Uhrmacherische Expertise
Franck Muller hat seit der Gründung zahlreiche eigene mechanische Kaliber entwickelt – von Basiswerken bis hin zu einigen der komplexesten Komplikationen der modernen Haute Horlogerie. Während die komplizierten Werke Entwicklungen sind, nutzt die Marke bei einfacheren Modellen teilweise auch modifizierte Rohwerke externer Spezialisten. Auch Quarzwerke werden von Zulieferern bezogen.



Höchster Ausdruck der großen uhrmacherischen Expertise von Franck Muller ist die „Aeternitas Mega 4″. Als sie 2009 nach rund fünfjähriger Entwicklungszeit vorgestellt wurde, galt sie mit ihren 36 Komplikationen – vom fliegenden Tourbillon über Minutenrepetition bis zum ewigen Kalender – als komplizierteste mechanische Armbanduhr der Welt. Erst Jahre später wurde sie von noch komplexeren Modellen anderer Hersteller übertroffen.



Auch beim Tourbillon lotete Franck Muller immer wieder die Grenzen des technisch Machbaren aus. Ob flachstes, größtes, schnellstes oder kleinstes Tourbillon – die Rekorde mögen inzwischen übertroffen sein, sie dokumentieren jedoch den konsequenten Innovationsanspruch der Marke.



Mit der „Revolution 3″ überraschte Franck Muller die Uhrenwelt 2004 zudem mit einem dreiachsigen Tourbillon. Es kann Lagefehler in deutlich mehr Positionen kompensieren als ein klassisches einachsiges Tourbillon und unterstreicht den Pioniergeist der Marke. Es folgte auf die „Revolution 1″ mit ihrer auf 20 Sekunden beschleunigten Käfigrotation (statt der üblichen 60 Sekunden) sowie auf das zweiachsige Tourbillon „Revolution 2“.

An den Grenzen von Watchland endet die erstaunliche Welt von Franck Muller aber nicht. Sie erstreckt sich über den gesamten Jurabogen, Wiege und Herz der Schweizer Uhrenindustrie.
Gehäuse aus La Chaux-de-Fonds
Eine Besonderheit von Franck Muller ist die Art der Fertigung der jährlich rund 135.000 Gehäuserohlinge aus Titan, Edelstahl, Aluminium sowie Edelmetallen. Statt die Rohlinge ausschließlich aus dem Vollen zu fräsen oder zu schmieden, entstehen sie zunächst mit einer Presskraft von bis zu 200 Tonnen im Stanzverfahren und werden anschließend in zahlreichen CNC- und Finishing-Schritten weiterbearbeitet. Je nach Material sind 20 bis 40 Arbeitsschritte pro Gehäuse erforderlich.


Mit einem spezialisierten Maschinenpark von 25 Humard-Pressen entstehen selbst hochkomplexe Gehäuseformen wie die dreidimensionale Cintrée Curvex. Alle Details wie Flächen, Kanten, Schrägen und Wölbungen müssen perfekt sein. Jede noch so winzige Ungenauigkeit stört das Zusammenspiel. Und so dauert die Fertigung circa drei Tage.



Um höchste Genauigkeit sowie die Einhaltung aller Maße und Toleranzen von bis zu 0,01 Millimetern konstant zu gewährleisten, werden auch die Werkzeuge sowie die bis zu 25 Kilogramm schweren Stanzformen selbst entwickelt und gefertigt.
Zifferblätter aus Les Bois
Prägen, Pressen, Galvanisieren, Lasern, Bedrucken, Lackieren, Schleifen, Polieren, Applizieren – alle Zifferblätter für die Uhren von Franck Muller entstehen in der eigenen Fertigung im jurassischen Les Bois. Spezialisten aus rund 20 verschiedenen Handwerksdisziplinen sowie moderne 24/7-Maschinen realisieren die kreative Vielfalt der Designs. Und auch hier werden die erforderlichen Werkzeuge selbst konstruiert und gefertigt.



Die charakteristische Farbtiefe der Franck-Muller-Zifferblätter entsteht dabei durch bis zu 20 hauchdünne Schichten transparenten Farblacks. Jede Lage trocknet rund eine Stunde, bevor die nächste aufgetragen wird. Trotz des aufwendigen Prozesses misst der gesamte Lackaufbau lediglich etwa 0,02 Millimeter. Durch das Zusammenspiel der einzelnen Schichten und ihrer Lichtbrechung entsteht eine außergewöhnliche Tiefenwirkung.



Armbänder aus Le Locle
Wie für Gehäuse und Zifferblätter setzt Franck Muller auch bei den Armbändern auf exklusive Expertise. Reine Frauen-Power fertigt in Le Locle Leder-, Textil- und Kautschukbänder ausschließlich für die eigenen Uhren. Gerade die stark gewölbten Gehäuseformen Cintrée Curvex und Vanguard verlangen nach speziell konstruierten Armbändern.



Von der Auswahl des Leders und der technischen Materialien über den Zuschnitt und den Aufbau des mehrlagigen Bandkörpers bis hin zur Endbearbeitung und Qualitätskontrolle – hier trifft ebenfalls klassische Handwerksarbeit auf Spezialmaschinen.
Die Uhren von Franck Muller
Auch bei der Kollektionsstruktur geht Franck Muller eigene Wege. Das Sortiment orientiert sich nicht in erster Linie an Funktionen oder Komplikationen, sondern an Gehäuseformen wie Cintrée Curvex, Vanguard, Long Island oder Master Square. Komplikationen wie „Crazy Hours“, Tourbillons oder Ewige Kalender finden sich innerhalb dieser Linien.



Hinzu kommt eine außergewöhnliche Vielfalt an Größen – allein die Cintrée Curvex ist in acht Formaten erhältlich – sowie umfangreiche Individualisierungsmöglichkeiten für Kunden und Juweliere.



Fazit: Franck Muller – ein Statement am Handgelenk
Mein Besuch bei Franck Muller hat meinen Blick auf die Marke verändert und lässt mich zugleich verstehen, weshalb die Marke polarisiert.
Ja, es gibt neben fast klassisch anmutenden Zeitmessern diese vielen auffälligen Uhren der Marke. Vor allem die skelettierten Modelle wirken wie kleine mechanische Universen. Es gibt Farbexplosionen, Hello Kitty auf dem Zifferblatt, große geschwungene Ziffern, figürliche Motive, expressive Muster und natürlich die „Crazy Hours“. Bei all der ungebremsten Farb- und Gestaltungsfreude erscheint das Design in meinen Augen aber niemals kindlich oder einfach nur saisonal modisch, sondern überaus kreativ.
Franck Muller ist für mich nach meinem Besuch weitaus mehr als nur eine Luxus-Uhrenmarke. Sie ist ein eigener Kosmos, in dem Architektur, Fertigung, Design und Uhrmacherei derselben Idee folgen: kompromisslos unabhängig und bewusst anders zu sein. Dass zu diesem Kosmos heute sogar Schokolade, Parfüm oder ein 450 Meter hoher Wohnturm in Dubai gehören, wirkt deshalb fast schon konsequent.

Über Franck Muller
Trotz einer selbst für Schweizer Verhältnisse außergewöhnlich hohen vertikalen Fertigungstiefe ist Franck Muller eine vergleichsweise junge Marke. Mut, Kreativität und ein eigenständiges Haute-Horlogerie-Verständnis prägten von Beginn an die DNA.
Geschichte & Philosophie
Das hat dazu geführt, dass bei Franck Muller die Uhren etwas anders laufen. Im wahrsten Sinne des Wortes – besonders augenscheinlich wird dies bei der Crazy Hours mit ihrer springenden Stundenanzeige. Bei diesen Uhren folgt die Stundenanzeige nämlich nicht der gewohnten Reihenfolge von 1 bis 12. Stattdessen scheinen die Ziffern durcheinandergepurzelt zu sein. Für zeitliche Ordnung sorgt der Stundenzeiger, der stündlich um fünf „herkömmliche Stunden“ weiterspringt. Entsprechend sind die Ziffern angeordnet.
Trotz der komplexen Konstruktion kommt sie mit einem Augenzwinkern daher – einem anspruchsvollen wohlgemerkt. Gerade deshalb spiegelt die Crazy Hours die Philosophie von Franck Muller perfekt wider: Man ist und will anders sein und Uhrmacherkunst mit Leichtigkeit und Lebensfreude verbinden.
Wie alles begann
Der Namensgeber und Gründer der Marke hat italienische und Schweizer Wurzeln und startete seinen beruflichen Werdegang mit einer vierjährigen Ausbildung an der Genfer Uhrmacherschule, die ermit Auszeichnung abschloss. Bevor er in den 1980er-Jahren begann, sich der Entwicklung eigener hochkomplizierter Armbanduhren zu widmen, restaurierte er für Auktionshäuser, Museen und private Sammler historische Taschenuhren.
1991 gründete er schließlich gemeinsam mit dem Unternehmer und Gehäusespezialisten Vartan Sirmakes die Marke Franck Muller – eine erfolgreiche Kombination. Während Muller für die uhrmacherische Entwicklung steht, baute Sirmakes die industrielle Fertigung auf – immer mit dem Anspruch, Handwerkskunst und menschliches Know-how zu bewahren.
Die Marke erarbeitete sich schnell Anerkennung als kreativer „Master of Complication“, der anspruchsvolle Komplikationen wie Minutenrepetition und Tourbillon neu interpretiert. Stets verbunden mit einem eigenständigen Design. Eines der bekanntesten Erkennungsmerkmale der Uhren von Franck Muller ist das Cintrée-Curvex-Gehäuse mit seiner tonneauförmigen, dreidimensional gewölbten Silhouette. Heute leitet Vartan Sirmakes als strategischer Kopf und CEO mit Nicholas Rudaz als Co-CEO das Unternehmen. Mit Lori und SisvanSirmakes übernimmt bereits die nächste Generation Verantwortung. franckmuller.com



































