Lab-grown Diamanten: Interview mit Gründerin und Geschäftsführerin Christine Marhofer
INSIGHT spricht mit Christine Marhofer, Gründerin und Geschäftsführerin von Nevermined und mandana, über die Rolle von Edelmetallen, Diamanten und Wertentwicklung – und darüber, warum lab-grown Diamanten nicht nur eine Preisfrage sind, sondern auch neue kreative Spielräume eröffnen.
Diamanten waren immer erklärungsbedürftig. Durch lab-grown Diamanten ist die Beratung aber noch komplexer geworden. Was erleben Sie aktuell im Gespräch mit Kundinnen und Kunden?
CM: Wir merken deutlich, dass bereits weniger Grundlagenaufklärung nötig ist als noch zu Beginn. Lab-grown Diamanten werden zunehmend als fester Bestandteil der Sortiments- und Designplanung verstanden und nicht mehr als kurzfristiger Trend oder günstigere Alternative.
Dafür sind die Fragen deutlich konkreter und fachlicher geworden: Woher kommt der Diamant? Wie wurde er produziert? Welche Qualitätsnachweise gibt es? Unser Made-in-Germany-Ansatz bei Nevermined wird dabei als ein wichtiges Vertrauenssignal wahrgenommen.
Gleichzeitig wächst das Interesse an größeren Karatgewichten, besonderen Schliffen und Fancy Colours. Die Beratung geht heute also viel stärker in die Tiefe hin zu Herkunft, Qualität und neuen Gestaltungsmöglichkeiten.
Beide Kategorien bestehen aus kristallisiertem Kohlenstoff. Der Unterschied liegt vor allem in der Entstehung: wie erklärt man die Unterscheide am besten?
CM: Das lässt sich in einem einfachen Satz erklären: Lab-grown Diamanten sind echte Diamanten mit einem anderen Ursprung. Minendiamanten entstehen über sehr lange Zeiträume in der Erde und werden anschließend abgebaut. Nevermined lab-grown Diamanten dagegen wachsen unter kontrollierten Bedingungen im sogenannten CVD-Verfahren, der Chemical Vapour Deposition, in unserem Labor in Essen. Dafür werden kleine Diamant-Seeds in eine Vakuumkammer eingesetzt. Kohlenstoff lagert sich dort Atom für Atom, Schicht für Schicht ab, bis ein echter Diamant herangewachsen ist.
Optisch, chemisch und physikalisch sind sie beide identisch. Auch lab-grown Diamanten werden nach den bekannten 4C – Carat, Colour, Clarity und Cut – bewertet. Der Unterschied liegt also nicht im Diamanten selbst, sondern allein in seiner Herkunft.
Welche Begriffe sind in der Beratung besonders wichtig – und welche sollten eher vermieden werden?
CM: Eine eindeutige Kennzeichnung ist für mich das A und O. „Lab-grown Diamant“ oder „im Labor gewachsener Diamant“ beschreibt sehr klar, worum es sich handelt: um einen echten Diamanten, der unter kontrollierten Bedingungen im Labor gewachsen ist. Auch „laborgezüchteter Diamant“ wird verwendet, wobei sich „lab-grown“ inzwischen international durchgesetzt hat.
Begriffe wie „künstlich“ oder „synthetisch“ würde ich vermeiden. Sie erwecken schnell den Eindruck, es handle sich um eine Nachbildung, zum Beispiel aus Zirkonia oder Moissanit. Diese Materialien können einem Diamanten optisch ähneln, haben aber eine andere chemische Zusammensetzung und andere physikalische Eigenschaften. Nevermined lab-grown Diamanten sind dagegen echte Diamanten. Genau diese Trennung muss in der Beratung klar sein.
Natürliche Diamanten stehen für Seltenheit, Herkunft und langfristigen Wert. Lab-grown Diamanten bieten flexible Preis- und Gestaltungsspielräume. Wie ordnen Sie das ein?
CM: Schmuck ist für mich in erster Linie kein Finanzprodukt. Weder Minendiamanten noch lab-grown Diamanten sollte man pauschal als Wertanlage betrachten. Bei Gold und Platin gibt es einen nachvollziehbaren Materialwert. Ein Schmuckstück lebt aber genauso von Design, Handwerkskunst, Marke und vor allem von seiner emotionalen Bedeutung. Ein Verlobungsring wird nicht gekauft, weil jemand auf eine Preissteigerung hofft, sondern weil er für einen besonderen Moment steht.
Ein wichtiger Vorteil von lab-grown Diamanten liegt darin, dass sich stärker mit Größen, Schliffen und Farben arbeiten lässt, ohne dass der Preis sofort explodiert. Welche Möglichkeiten eröffnet das für Schmuckdesign?
CM: Enorm viele. Wir können mit größeren Karatgewichten, außergewöhnlichen Fancy Cuts und intensiven Farben arbeiten, die bei Minendiamanten für viele Kunden finanziell kaum denkbar wären. Dadurch beginnt der Entwurf nicht mehr automatisch mit der Frage: Was müssen wir verkleinern, damit es ins Budget passt?
Wir können viel freier über Proportionen und die Wirkung eines Schmuckstücks nachdenken. Ein größerer Center-Diamant, ein außergewöhnlicher Pear-, Oval- oder Emerald-Schliff oder die Kombination verschiedener Fancy Colours verändert die Ausstrahlung eines Designs komplett. Für mich ist das einer der spannendsten Aspekte, weil die Technologie dem Design deutlich mehr Spielraum gibt.


Verändert das auch die Art, wie Schmuck entworfen wird? Also weg vom Gedanken „möglichst klassisch und werthaltig“ hin zu mehr Ausdruck, Farbe und Individualität?
CM: Ich glaube nicht, dass wir uns zwischen klassisch und individuell entscheiden müssen. Ein Solitaire-Ring kann sehr klar und modern wirken. Gleichzeitig wünschen sich immer mehr Menschen Schmuck, der wirklich zu ihnen und ihrer Persönlichkeit passt.
Mit mandana Jewellery können wir das ermöglichen. Zu unseren Kollektionen gehören reduzierte und minimalistische Schmuckstücke, aber auch sehr ausdrucksstarke Designs mit beweglichen Elementen, besonderen Schliffen oder Farben. Unsere All Gens Kollektion steht beispielsweise für alle Geschlechter und Generationen. Die Colours and Cuts Designs arbeiten mit Fancy Colours und außergewöhnlichen Formen. Es gibt heute einfach mehr als nur einen richtigen Weg, Diamantschmuck zu tragen. Genau diese Freiheit finde ich besonders spannend.
Ein Thema, das viele interessiert: Wie kommen die Farben in lab-grown Diamanten oder ist das ein Betriebsgeheimnis?
CM: Die wissenschaftliche Grundlage ist kein Geheimnis, unsere genauen Rezepturen natürlich schon. Die Farbe entsteht nicht durch eine oberflächliche Beschichtung, sondern direkt im Diamanten. Vereinfacht gesagt werden dafür bereits während des Wachstums ganz gezielt einzelne Kohlenstoffatome durch andere Atome ersetzt. Das klingt einfach, ist in der Umsetzung aber sehr anspruchsvoll. Schon kleinste Veränderungen können die Farbe beeinflussen.
Deshalb muss der gesamte Prozess für jede Farbe sehr genau gesteuert werden, das heißt von der Gaszusammensetzung über die Temperatur bis zur Wachstumsdauer. Dahinter stecken bei Nevermined mehrere Jahre Forschung, viele Versuche und vor allem sehr viel Geduld.
Sind farbige lab-grown Diamanten vor allem ein Gestaltungsthema – oder auch ein Zugang zu Kundinnen und Kunden, die Schmuck persönlicher und weniger konventionell tragen möchten?
CM: Definitiv beides. Farbe löst sofort etwas in uns aus. Ein tiefes Blau, ein sattes Pink oder ein strahlendes Gelb kann ein Design völlig verändern und gleichzeitig eine persönliche Bedeutung tragen. Damit erreichen wir auch Menschen, die klassischen Diamantschmuck bisher vielleicht nicht auf ihrem Radar hatten. Sie suchen etwas Individuelles, das zu ihrem Stil passt. Genau darin liegt für mich die Chance: echten Diamantschmuck zugänglicher, persönlicher und vielseitiger zu machen.
Geht es Ihnen dabei eher um Zugänglichkeit, um Gestaltungsspielraum, um Nachhaltigkeitsaspekte – oder um eine neue Sprache im Schmuck?
CM: Für mich gehört das alles zusammen. Meine ursprüngliche Idee war, nachhaltigen Diamantschmuck zu entwickeln, der hochwertig ist, emotional berührt und für mehr Menschen zugänglich wird. Sehr schnell habe ich aber gemerkt, dass es mit einem anderen Diamanten allein nicht getan ist. Man muss die gesamte Wertschöpfung betrachten. Gerade in Europa beobachten wir ein wachsendes Interesse an nachvollziehbarer Herkunft, regionaler Produktion und transparenten Lieferketten.
Diese Entwicklung bestätigt unseren Weg und Nevermined schafft heute dafür die Grundlage. Unsere eigene Produktion in Essen, 100 % zertifizierter Ökostrom, transparente Prozesse und die SCS-007-Zertifizierung für Sustainable Rated Diamonds. Bei mandana entstehen daraus Schmuckstücke mit recyceltem 18 Karat Gold oder 950er Platin, gefertigt in Deutschland und Spanien. So wird aus Technologie etwas Persönliches, das man mit gutem Gefühl tragen und später weitergeben kann.
Wie wichtig ist es, lab-grown Diamanten nicht als Ersatz für natürliche Diamanten zu kommunizieren, sondern als eigene Kategorie mit eigenen Stärken?
CM: Das war von Anfang an unser Weg. Lab-grown Diamanten haben einen eigenen Ursprung, eine eigene Geschichte und ganz eigene Stärken. Ich würde sie im Handel deshalb auch nicht ausschließlich als günstigere Alternative präsentieren. Dann spricht man nur über den Preis und übersieht das eigentliche Potenzial: größere Diamanten, besondere Farben, neue Designs, eine transparente Herkunft und eine Zielgruppe, die Schmuck bewusster und nachhaltiger auswählt.
Beide Kategorien können im Fachhandel nebeneinander bestehen. Entscheidend ist, dass sie klar erklärt und eigenständig präsentiert werden.
Welche Fragen sollten Händler ihren Lieferanten stellen, bevor sie lab-grown Diamanten ins Sortiment aufnehmen?
CM: Ich würde immer zuerst fragen: Wo genau wachsen die Diamanten? Welche Energie wird dafür verwendet? Kann man die Herkunft lückenlos nachvollziehen? Welche unabhängigen Zertifizierungen gibt es und wie wird eine gleichbleibende Qualität sichergestellt?
Genauso wichtig ist aber die Zusammenarbeit danach. Der Handel braucht persönliche Ansprechpartner, eine individuelle Beratung und schnelle Unterstützung. Sowohl vor Ort als auch per Telefon oder E-Mail. Bei Nevermined setzen wir deshalb auf maximale Transparenz und öffnen unsere Produktion in Essen ganz bewusst wie eine gläserne Fabrik. Unsere Partner können den gesamten Prozess kennenlernen und an exklusiven Laborführungen teilnehmen.
Wer selbst gesehen hat, wie hier ein Diamant wächst, spricht nicht nur sicherer darüber, sondern verkauft ihn auch überzeugender. Wissen schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist die Grundlage für langfristigen Verkaufserfolg.






