Jaeger-LeCoultre: Grande Sonnerie, Sternzeit und verborgene Mechanik
Manchmal ist die schwierigste redaktionelle Entscheidung die, was man weglässt. Bei diesen drei Neuheiten von Jaeger-LeCoultre wäre eigentlich jede Uhr Stoff genug für einen eigenen langen Beitrag – die Grande Sonnerie ohnehin, das Calibre 945 mit seiner Verbindung aus Sternzeit, Minutenrepetition und Métiers Rares ebenso, und über das Kaliber 101 ließe sich beinahe ein eigenes Kapitel Uhrengeschichte schreiben.
Wir haben uns trotzdem entschieden, sie gemeinsam zu betrachten. Denn erst gemeinsam wird sichtbar, wie weit die Spannweite der Manufaktur reicht: vom Klang eines Westminster-Schlagwerks über die astronomische Darstellung zweier Zeitordnungen bis zur Miniaturisierung eines mechanischen Werks auf 0,2 Kubikzentimeter.
Eine Reise in die Welt der höchsten Uhrmacher- und Handwerkskunst – Fazination pur, der man sich nicht entziehen kann.
Eine Frage bleibt jedoch: wie weit kann Uhrmacherei gehen?
Duometre Grande Complication à Grande Sonnerie: 1.300 Teile und 15 Komplikationen
Schon die Eckdaten des Kalibers 182 geben eine Vorstellung von seiner Komplexität: rund 1.300 Komponenten, 15 Komplikationen und acht Patente. Die erste Version präsentierte Jaeger-LeCoultre 2009 mit der Hybris Mechanica à Grande Sonnerie. Mehr als fünf Jahre Entwicklungsarbeit waren ihr vorausgegangen. Für Montage und Regulierung eines heutigen Kalibers wird rund ein Jahr benötigt – verteilt auf vier Arbeitsphasen und etwa 16.000 einzelne Schritte aus Montage, Demontage, Korrektur, Reinigung und finalem Zusammenbau.

Auch die Verbindung der Komplikationen ist außergewöhnlich. Grande Sonnerie, Petite Sonnerie und Minutenrepetition arbeiten gemeinsam mit einem retrograden Ewigen Kalender, einem fliegenden Tourbillon und zwei Gangreserveanzeigen. Der Kalender zeigt Datum, Wochentag und Monat retrograd sowie das Schaltjahr digital an und berücksichtigt die unterschiedlichen Monatslängen bis zur notwendigen Korrektur im Jahr 2100.
Die Grande Sonnerie stellt dabei besondere Anforderungen an die Energieversorgung. Sie schlägt Stunden und Viertelstunden automatisch und benötigt dafür über den Tag erhebliche Energiereserven. Gleichzeitig müssen Zeitmessung und Kalender zuverlässig weiterlaufen.
Das Duometre-Prinzip hinter der Grande Complication
Hier zeigt sich, weshalb das 2007 entwickelte Duometre-Konzept für dieses Kaliber so entscheidend ist. Zwei Federhäuser treiben zwei unabhängige Räderwerke an und teilen sich ein gemeinsames Regulierorgan. Ein Energiekreis versorgt Zeitmessung und Kalender, der zweite das Schlagwerk.
Für Uhrzeit und Kalender stehen 48 Stunden Gangreserve zur Verfügung. Das Schlagwerk kann im Grande-Sonnerie-Modus bis zu 616 Töne erzeugen, rechnerisch siebeneinhalb Stunden kontinuierliche Melodie. Im Petite-Sonnerie-Modus reichen die Reserven für maximal 992 Töne beziehungsweise 32 Stunden. Ein drittes Federhaus liefert die Energie für den über einen Drücker in der Krone ausgelösten Mechanismus der Minutenrepetition.
Damit treffen innerhalb eines Kalibers mehrere anspruchsvolle mechanische Abläufe aufeinander: die permanente Zeitmessung, ein Ewiger Kalender, ein fliegendes Tourbillon, die automatisch arbeitende Sonnerie sowie eine auf Wunsch ausgelöste Minutenrepetition.
Westminster am Handgelenk

Auch akustisch bewegt sich das Kaliber 182 in einer seltenen Liga. Vier Hämmer schlagen vier Tonfedern und erzeugen die Noten E, C, D und G. Daraus bildet der Mechanismus unterschiedliche Tonfolgen nach dem Vorbild des Westminster-Schlags. Die erste Viertelstundenmelodie besteht aus vier, die zweite aus acht und die dritte aus zwölf Tönen. Zur vollen Stunde entsteht eine Folge von 24 Tönen – eine der längsten Melodien, die bei einer Grande Sonnerie am Handgelenk realisiert wurden.
Für die aktuelle Ausführung wurde auch die Klangarchitektur des Werks weiterentwickelt. Die Tonfedern sind länger, ihre Geometrie, Befestigung und Stimmung wurden verändert. Eine Legierung aus metallischem Glas verbessert die Übertragung der Schwingungen; ein leichter innerer Gehäusekorpus aus Titan wirkt zugleich als Resonanzraum.
Der Begriff metallisches Glas ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen: Es handelt sich um ein Metall mit amorpher, also glasähnlicher innerer Struktur. Für ein Schlagwerk eröffnet das besondere akustische Eigenschaften und zeigt, wie weit Materialforschung inzwischen Teil der klassischen Uhrmacherei geworden ist.
Noch bemerkenswerter wird es bei der Abstimmung. Jeder angeschlagene Ton besteht aus einem Grundton und weiteren Klanganteilen. Die veränderte Form der Tonfedern ermöglicht es, neben dem Grundton sechs weitere Bestandteile des Akkords zu regulieren. Uhrmacherei nähert sich hier dem Instrumentenbau.
Auch die Melodien selbst werden rein mechanisch programmiert. Der 6,04 Millimeter hohe „Tour d’Entraînement de Sonnerie“ besteht aus 22 Teilen und bestimmt die jeweilige Schlagsequenz. Ein weiterer turmförmiger Mechanismus, intern als „tour infernale“ bezeichnet, steuert mit fünf übereinanderliegenden Schaffelscheiben die verschiedenen Kombinationen der vier Noten.
Ein neuer Sicherheitsmechanismus blockiert zudem eine erneute Auslösung der Minutenrepetition, solange der vorhergehende Schlagzyklus noch läuft. Die Bedienung erfolgt über drei Drücker und einen Funktionswähler für Grande Sonnerie, Petite Sonnerie, Silence und Zeiteinstellung.
Auch die Finissierung steht dem technischen Aufwand kaum nach. Neun unterschiedliche Finishs kommen zum Einsatz; allein das manuelle Anglieren von 251 Komponenten beansprucht 87 Stunden. Das 45 Millimeter große Gehäuse verbindet Rotgold mit Titan. Die Uhr entsteht als Einzelstück.
Der historische Hintergrund reicht weit zurück: Seit der ersten Minutenrepetition von 1870 hat Jaeger-LeCoultre mehr als 200 verschiedene Kaliber mit Schlagwerk entwickelt.
Master Hybris Artistica Calibre 945: Sternzeit am Handgelenk
Bei der Master Hybris Artistica Calibre 945 verändert sich der Maßstab. Hier geht es um zwei unterschiedliche Arten, Zeit zu bestimmen – und darum, astronomische Mechanik, Schlagwerk und künstlerische Handwerkstechniken in einer einzigen Uhr zusammenzuführen.
Das ursprünglich 2010 vorgestellte Kaliber 945 kombiniert eine Sternkarte der nördlichen Hemisphäre, ein fliegendes Kosmotourbillon und eine Minutenrepetition. Die aktuelle Interpretation erscheint in einem 45 Millimeter großen Weißgoldgehäuse und ist auf fünf Exemplare limitiert.

Kaliber 945: Zwei Zeitordnungen auf einem Zifferblatt
Die technische Faszination beginnt mit einer Differenz von knapp vier Minuten.
Ein Sterntag beschreibt eine vollständige Rotation der Erde relativ zu den Fixsternen und dauert 23 Stunden, 56 Minuten und 4 Sekunden. Unser bürgerlicher 24-Stunden-Tag orientiert sich am Lauf der Sonne.
Das fliegende Kosmotourbillon umrundet das Zifferblatt exakt einmal pro Sterntag und bewegt sich gemeinsam mit der Sternkarte gegen den Uhrzeigersinn. Parallel dazu vollendet ein goldener, sonnenförmiger Zeiger am Rand innerhalb von 24 Stunden eine vollständige Umdrehung und stellt damit die bürgerliche Zeit dar.
Die besondere Herausforderung liegt in der Verbindung beider Zeitbezüge innerhalb einer mechanischen Architektur. Die Sternkarte wird über eine Kalenderkomplikation gesteuert und stellt die Position der Sternbilder so dar, wie sie vom Vallée de Joux aus zu sehen sind. Das Kosmotourbillon besteht aus 73 Komponenten, sitzt in einem leichten Titankäfig und arbeitet mit einer zehn Millimeter großen Unruh bei 4 Hertz.
Der Himmel entsteht im Métiers-Rares-Atelier
Die astronomische Mechanik wäre bereits für sich außergewöhnlich. Bei der Master Hybris Artistica bildet sie jedoch nur einen Teil des Ganzen.
Das mehrschichtige Zifferblatt übersetzt die technische Darstellung des Himmels in ein handwerkliches Bild. Jaeger-LeCoultre verwendet dafür Grisaille-Email, eine Technik mit Ursprüngen im Frankreich des 16. Jahrhunderts, die seit 2022 im eigenen Métiers-Rares-Atelier beherrscht wird.
Auf einen tiefblauen Grund wird weißes „Blanc de Limoges“ schichtweise aufgetragen und jeweils gebrannt. Unterschiedliche Schichtstärken erzeugen Licht und Schatten und verleihen dem Himmel eine fast dreidimensionale Wirkung. 24 Arbeitsstunden entfallen allein auf diese Emailarbeit.
Der Aufbau besteht aus mehreren Ebenen. Eine mitternachtsblaue Opalinscheibe trägt Monats- und Sekundenanzeige des Tourbillons. Darüber liegt das gewölbte Goldzifferblatt mit Grisaille-Email, Sternkarte und den Bezeichnungen der Konstellationen. Mechanische Berechnung und künstlerische Darstellung beziehen sich damit unmittelbar aufeinander.
Als dritte große Disziplin kommt die Minutenrepetition hinzu.
Sie liest die aktuelle Uhrzeit mechanisch aus und übersetzt Stunden, Viertelstunden und Minuten in entsprechende Schlagfolgen. Das Kaliber 945 arbeitet mit Kathedralen-Kristalltonfedern, die sich anderthalbmal um das Werk legen und direkt mit dem rückseitigen Saphirglas verbunden sind. Das Glas übernimmt damit zugleich die Funktion eines Resonators. Patentierte Trébuchet-Hämmer verbessern die Energieübertragung, ein Stillklangregler reduziert störende Geräusche des Mechanismus.
Auch das Gehäuse verlangt erheblichen Aufwand. Es besteht aus mehr als 80 Komponenten, kombiniert mikrosandgestrahlte, satinierte und polierte Flächen und integriert den Schieber der Minutenrepetition in die linke Gehäuseseite. Sämtliche übrigen Funktionen lassen sich über die Krone einstellen.
Die Master Hybris Artistica Calibre 945 vereint damit astronomische Berechnung, Tourbillon, Minutenrepetition, Emailmalerei und komplexe Gehäusearbeit. Gerade diese Verbindung erklärt den Namen Hybris Artistica: Die Kunst begleitet die Mechanik hier auf demselben Niveau.
101 Secrets: Das Zifferblatt bleibt verborgen
Bei der 101 Secrets führt Jaeger-LeCoultre die Uhrmacherei an ein anderes Extrem.
Das Kaliber 101 misst lediglich 14 Millimeter in der Länge, 4,8 Millimeter in der Breite und 3,4 Millimeter in der Höhe. Das entspricht einem Volumen von nur 0,2 Kubikzentimetern. Die aktuelle fünfte Generation besteht aus 98 Einzelteilen und bietet 33 Stunden Gangreserve.
Diese Dimensionen stehen am vorläufigen Ende einer bemerkenswert langen Entwicklung.

Vom Kaliber 7HP über Duoplan zum Kaliber 101
Bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich LeCoultre mit besonders kleinen Uhrwerken einen Namen. 1880 erschien das Kaliber 7HP für kleine emaillierte und mit Edelsteinen besetzte Uhren. 1908 folgte das Kaliber 6EB, dessen Fläche kaum größer als ein Quadratzentimeter war.
1925 folgte mit dem patentierten Duoplan ein entscheidender konstruktiver Schritt. Die Architektur verteilte das rechteckige Werk auf zwei Ebenen: Hemmung auf der einen, Federhaus und Räderwerk auf der anderen. Dadurch ließ sich der benötigte Raum erheblich reduzieren und gleichzeitig mit ausreichend dimensionierten Komponenten arbeiten. Vier Jahre später entstand daraus das Kaliber 101.
Seine Entwicklung wirkt aus heutiger Sicht noch erstaunlicher, weil CAD-Konstruktion, Laserschneiden und CNC-Bearbeitung Jahrzehnte entfernt waren. Die ursprüngliche Version bestand aus 74 Komponenten und wog weniger als ein Gramm. Die äußeren Abmessungen und die grundlegende Architektur sind bis heute erhalten geblieben.
Inzwischen besteht das Werk aus 98 Komponenten. Die Montage eines Kalibers 101 dauert rund 40 Stunden. Nur eine kleine Zahl spezialisierter Uhrmacher beherrscht diese Arbeit; gefertigt werden lediglich einige Dutzend Werke pro Jahr.
Fast ein Jahrhundert nach seiner Einführung gehört das Kaliber damit noch immer zu den außergewöhnlichsten Miniaturwerken der mechanischen Uhrmacherei.

101 Secrets: ohne Haute Horlogerie keine Haute Joaillerie
Bei der neuen 101 Secrets wird diese Miniaturisierung zum Ausgangspunkt für Haute Joaillerie.
Das doppelte Rivière-Armband aus Rotgold trägt 124 rosa Saphire mit insgesamt rund 16,39 Karat in sieben Farbabstufungen und zehn unterschiedlichen Größen. Dazu kommen 904 Brillanten mit zusammen etwa 13,26 Karat. Allein das Fassen der Edelsteine erfordert 163 Stunden.
Selbst die Uhrzeit bleibt zunächst verborgen. Ein winziger Drücker bei 6 Uhr öffnet einen beweglichen Abschnitt des Armbands wie ein Buch und gibt das weiße Perlmuttzifferblatt frei. Beim Loslassen verschwindet es wieder unter den Saphiren. Auch die Schließe arbeitet mit einem vollständig integrierten, unsichtbaren Mechanismus.
Hier zeigt sich der eigentliche Wert der Miniaturisierung. Das extrem kleine Werk gibt den Schmuckgestaltern Freiheit. Die äußere Form folgt der Haute Joaillerie, während das Kaliber nahezu unsichtbar in ihr verschwindet.
Auch dieses Prinzip besitzt Tradition. Jaeger-LeCoultre fertigte bereits im frühen 20. Jahrhundert sogenannte Secret Watches, bei denen reich besetzte Deckel die Zeitanzeige verdeckten. Die neue 101 Secrets führt diese Geschichte mit heutiger Konstruktion und Edelsteinfassung weiter.
Wie weit kann Uhrmacherei also gehen?
Bei diesen drei Uhren lautet die Antwort: sehr weit.
Die Duometre Grande Complication à Grande Sonnerie bringt 15 Komplikationen, drei Energiespeicher und ein vierstimmiges Westminster-Schlagwerk in einem Kaliber zusammen. Ein Jahr Montage und Regulierung zeigt den Aufwand hinter dieser mechanischen und akustischen Architektur.
Die Master Hybris Artistica Calibre 945 verbindet den 24-Stunden-Tag mit der Bewegung der Erde gegenüber den Fixsternen. Dazu kommen ein fliegendes Tourbillon, eine Minutenrepetition und ein von Hand in Grisaille-Email ausgearbeiteter Himmel.
Das Kaliber 101 führt eine Entwicklung fort, die LeCoultre seit dem 19. Jahrhundert verfolgt: mechanische Uhrmacherei auf kleinstem Raum. Bei der 101 Secrets verschwindet diese Technik fast vollständig innerhalb einer Haute-Joaillerie-Kreation.
Jede dieser drei Uhren wäre für sich bereits ein außergewöhnliches Zeugnis uhrmacherischer Kompetenz. Zusammen zeigen sie eine Spannweite, die in der Haute Horlogerie ihres Gleichen sucht.





