Das war meine Vicenzaoro – Teil 2: Die Sache mit den Trends

Die Vicenzaoro versteht sich nicht nur als Messe, sondern auch als eine Plattform, wo Trends gemacht und entdeckt werden. Das ist sicherlich nicht falsch – das sehr internationale Publikum an Ausstellern hilft dabei, zu identifizieren, was wirklich zum Trend wird – globale Gemeinsamkeiten lügen nicht und geben Aufschluss zu Entwicklungen in der Branche. Auch der Trendtalk auf der Vicenzaoro sowie das dazugehörige jährliche Trendbook sind große Angelegenheiten, aber dieses Jahr war es irgendwie anders …

Links: Photospot am Messeeingang: Vicenzaoro-Goldwürfel mit Schriftzug „Crafting the Future“. © Insight Luxury

Warum sind Trends wichtig?

Diese Frage kann man sich durchaus mal stellen. Trend bedeutet ja nicht nur irgendwas, das gerade sichtbar in Mode ist, sondern beschreibt auch eine Entwicklung, eine Tendenz. Dazu lässt sich dann durchaus mehr sagen als nur, welchen Schmuck man jetzt im Schaufenster haben will.

Die Vicenzaoro geht tief mit dem jährlichen Trendvision Jewellery + Forecasting Vortrag, der von Paola de Luca vorgestellt wird. Das Team blickt auf den gesamten globalen Markt, große Player wie China oder die Arabischen Emirate, auf die Gen Z… und kommt dieses Jahr nicht zu einem eindeutigen Ergebnis. Offiziell nennt sich das im Trendtalk dieses Jahres „Quantum Age of Trends“ – man einer würde es auch als Postmoderne bezeichnen. Das heißt: in einer Zeit, in der alles Wesentliche schon erforscht, entdeckt und ausgelebt wurde, existieren im Grunde keine neuen Strömungen her. Alles existiert vielmehr gleichzeitig und sehr schnelllebig, die deutlich erkennbaren Trends – diesmal im Sinne eines Modestils – verlagern sich in Subkulturen. Genauer gesagt: Jeder pickt sich aus der bunten Trendtüte das heraus, was ihm am besten gefällt, und bleibt dabei. 

Die gute Nachricht ist dabei, dass man damit quasi nichts falsch machen kann – aber auch nichts wirklich richtig. Sehr viel Eigeninitiative ist gefragt, um herauszufinden, welcher Entwurf von Style und Lebensgefühl gerade in die eigene Nische passt – oder aber man wird selbst zum Trendsetter. Schließlich ist alles erlaubt. Wenn man genau hinschaut oder sich mit anderen Branchen-Insidern unterhält, bleiben dann aber doch ein paar Dinge hängen …

Schmuck und KI-generierte Models? Lieber nicht. Die Menschlichkeit im Schmuck zählt. Model am Stand von Brigitte Adolph mit Collier aus Silber im Look von venezianischer Spitze. © Insight Luxury

Out? Schmuck und Künstliche Intelligenz

Ein Aspekt, der beim Trendvision Talk von 2024 groß beleuchtet wurde, war das Thema Künstliche Intelligenz. Sicherlich, die Möglichkeiten sind in der Theorie unendlich und die neue Technologie wurde angepriesen, weil das künstlich generierte Material auch Inklusivität fördern kann. Beispiele für Hochglanz-Kampagnen mit ethnisch diversen Modellen wurden gezeigt, aber auch mehr Bilder mit Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter, aufgrund der weißen Haare auch gerne als „Silver Society“ bezeichnet. Die Idee, alle Bevölkerungsgruppen, egal welcher Herkunft, welchen Geschlechts und Alters ins Marketing mit einzubeziehen, ist ja sehr gut – nur ob KI der Schlüssel dazu ist?

Ein Jahr später kann man wohl sagen: eher nicht, denn Möglichkeiten durch Künstliche Intelligenz waren im diesjährigen Trendtalk eher eine Randnotiz. Daraus lässt sich wohl ableiten, dass das Thema nicht so viel Fahrt aufgenommen hat, wie gedacht. Meine Theorie dazu ist, dass etwas so emotionales und persönliches wie Schmuck sich vielleicht doch nicht so gut mit künstlich generierten Bildern von Menschen vertragen, die in Wirklichkeit gar nicht existieren. Es fehlt die Verbindung zur Realität und die Grundlage, sich mit dem künstlichen Menschen zu identifizieren. So geht es mir zumindest und vielleicht vielen anderen auch – der Funke springt nicht über. Ich bin gespannt, was der Trendvision Talk von 2026 dazu sagen wird. 

Der stille Siegeszug der Labordiamanten

Die Labordiamanten waren lange ein Trend – das ist nicht Neues, aber wer die Debatte in Deutschland mitverfolgt hat, weiß auch, welch ein Zankapfel die synthetischen Steine lange Zeit waren. Es gab nur ein Entweder-Oder. Wenn man heute mit Schmuckproduzenten auf der Vicenzaoro spricht, sieht es schon ein wenig anders aus. 

Angesichts der enorm gestiegenen Goldpreise werden die inzwischen sehr günstigen Labordiamanten zu einem finanziellen Gegengewicht – sei es bei Trauringherstellern oder klassischen Schmuckmarken. Die generelle Aussage ist: wenn die Kunden es möchten, dann bieten wir es an. So einfach kann die Entscheidung sein!

Solitaire-Ringe in großen Größen und verschiedenen Schliffen – mit synthetischen Diamanten von HesseLab. © Insight Luxury

Wie stark das Thema Labordiamanten angenommen wird, ist unterschiedlich – manche Hersteller erleben nur selten entsprechende Sonderwünsche, für andere wird es hingegen zum Alltagsgeschäft. Am Ende gewinnt wohl einfach, was beide Seiten glücklich macht: auch Menschen mit kleinerem Budget wollen sich schönen Schmuck leisten und Hersteller wie Händler sind glücklich über Kunden, die in wirtschaftlich unsicheren Zeiten dennoch ins Geschäft kommen. Vielleicht können wir mit dieser Erkenntnis das Kriegsbeil nun auch so langsam begraben. 

Neue Materialien erobern den Schmuckmarkt

Zugegeben: von dieser Entwicklung habe ich persönlich weniger mitbekommen, während ich auf der Messe war, aber nicht zum ersten Mal darüber gelesen und von Kolleginnen und Kollegen aus der Branche gehört: Neue Materialien wie Holz oder Glas erobern den Schmuckmarkt. Daraus lese ich zwei Dinge. Erstens: Die Motivation, innovativ zu sein, ist nach wie vor gegeben und zweitens: „unedle“ Materialien wie Holz, Stein, Gips oder Glas senken den Preis, – für gutes Design steigt natürlich auch die Marge – erlauben es, dem Druck des Goldpreises ein wenig zu entgehen und verleihen dem Schmuckstück einen eigenen Charakter, der wiederum das Bedürfnis nach Individualität sehr gut bedient.

Gutes, das sich weiterhin bewährt

Wie bereits erwähnt: brandneue, noch nie dagewesene Trends zu finden, ist inzwischen schwer. Aber man kann auch gut beobachten, welche Bereiche sich sehr gut eignen, um sein Fundament zu festigen und mit Konzepten zu arbeiten, die einfach funktionieren und die Schmuckliebhaber glücklich machen.

Dazu gehört nach wie vor der wandelbare und modulare Schmuck, der auf verschiedene Weisen getragen werden kann. Der Klassiker sind Halsketten, die zum Choker, zur Y-Kette oder zum Armband werden sowie Ohrringe mit austauschbaren Elementen zum Einhängen. Das bietet mehr Freiheit für individuelle Looks und die vielseitige Funktionalität des Schmucks bringt das gute Gefühl, für sein Geld viel Mehrwert bekommen zu haben. 

Halsketten von Nanis mit verschiedenen Tragemöglichkeiten und Charms zum Individualisieren. © Insight Luxury
Stretchy Ringe im Kugeldesign von Al Coro, mit braunen Diamanten oder bunten Saphiren. © Insight Luxury

Auch der Stretchy-Schmuck ist keine Neuerfindung, wird aber von vielen Marken erweitert oder neu ins Sortiment aufgenommen. Die dehnbaren Schmuckstücke, punkten damit, dass sie die Entwicklung ihrer Träger in jeder Lebenslage mitmachen – ein einzelner stretchy Ring wie zum Beispiel von Al Coro umfasst mittlerweile bereits drei Ringgrößen. Das ist einfach wunderbar praktikabel und spart den Gang zum Juwelier, weil die Größe des Schmuckstücks nicht angepasst werden muss. Für die Hersteller bringt die Technologie, die hinter dem Schmuck steckt, außerdem immer einen eigenen USP, der gewinnbringend kommuniziert werden kann. Daumen hoch, würde ich sagen!

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