Insight-Talk: Flavio Pellegrini (Präsident Ebel)
Seit über zwei Jahrzehnten ist Flavio Pellegrini Teil der Movado Group, die die traditionsreiche Schweizer Marke Ebel im Jahr 2004 vom Luxusgüterkonzern LVMH übernahm.
Nach den großen Erfolgen der 1970er- und 1980er-Jahre hatte Ebel zeitweise an Profil verloren – zu viele Modelle, zu wenig klare Linie. Unter Pellegrinis Führung wurde die Marke jedoch neu justiert: Die einstige „Sleeping Beauty“ präsentiert sich heute wieder als klar positionierte Luxusmarke mit unverwechselbarer Design-DNA.
Insight Luxury: Seit ich in der Uhrenbranche bin, wird die Armbanduhr immer wieder totgesagt – als das Smartphone aufkam, als die Smartwatch aufkam … Dennoch erleben klassische Uhren weiterhin große Nachfrage, auch bei jüngeren Menschen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Flavio Pellegrini: Eine klassische Armbanduhr ist weit mehr als ein rein funktionales Instrument wie eine Smartwatch oder ein Smartphone. Sie vereint Funktionalität mit Emotion und vermittelt ein Gefühl für Zeit. Und das kann man immer mit sich tragen.


Uhren wie die von Ebel können außerdem Teil von Familiengeschichten über Generationen hinweg werden, wenn ein Zeitmesser beispielsweise von der Mutter an die Tochter und später an die Enkelin weitergegeben wird. Eine Smartwatch hingegen hat weder technisch noch emotional diesen langfristigen Wert wie eine klassische Armbanduhr. Das ist ein wenig wie bei Gold, das seit jeher ein begehrtes Gut ist und mit viel Emotionalität aufgeladen ist.
IL: Kann man mit Geschichten auch die jüngere Generation erreichen?
FP: Ich denke ja. Meine Töchter sind 15 und 18 Jahre alt, und sie suchen nach authentischen Geschichten – gerade auch nach solchen aus der vor-digitalen Zeit. Das hat meines Erachtens damit zu tun, dass wir als Menschen Wurzeln brauchen und uns immer mit unseren Ursprüngen beschäftigen. Eine klassische Armbanduhr kann genau diese Suche symbolisieren. Unsere Uhren erzählen zum Beispiel die Liebesgeschichte von Eugène Blum und Alice Lévy, welche vor 115 Jahren zur Gründung von Ebel führte.


Bemerkenswert ist zudem, dass vor allem Frauen Uhren von Ebel als funktionale Accessoires mit Bedeutung schätzen: Rund 75 Prozent unserer Zeitmesser werden an weiblichen Handgelenken getragen.
Flavio Pellegrini
IL: Im kommenden Jahr wird das ikonische Wellenarmband von Ebel 50 Jahre alt. Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs?
FP: Unser Armband verkörpert perfekt unser Motto: „Beauty marries function“, also „Schönheit verbindet sich mit Funktion“. Denn es ist nicht nur schön, unverwechselbar und elegant, sondern auch funktional und bietet hohen Tragekomfort – die perfekte Mischung.


Viele Kundinnen und Kunden möchten nach dem ersten Tragen keine andere Uhr mehr anlegen, weil sich das Armband nahezu schwerelos an das Handgelenk anschmiegt. Diese Verbindung aus Ästhetik und Funktion ist der Schlüssel. Übrigens: Das Wellenarmband und ich sind ein Jahrgang (lacht).
IL: Das Wellenarmband wurde ja zusammen mit der Kollektion „Sport Classic“ eingeführt. Welche Bedeutung hat diese heute für Ebel?
FP: Schauen Sie in unsere Vitrinen hier auf der Inhorgenta: Die „Sport Classic“-Kollektion ist das Herzstückunserer Marke macht heute fast 70 Prozent unseres Umsatzes aus. Sie ist unsere Ikone.
Die Stärke dieser Uhr liegt in ihrer Vielseitigkeit. Boris Becker konnte damit Tennis spielen und Wimbledon gewinnen. Gleichzeitig trug Don Johnson sie aber auch zu einem eleganten Anzug in Miami. Die Tatsache, dass man sie sportlich und klassisch, tagsüber und abends, von Männern und Frauen sowie in Stahl und Gold tragen kann, macht dieses Produkt so besonders. Es ist ein fantastisches Produkt, das nicht viele Marken im Angebot haben. Zum Jubiläum werden wir neue Modelle herausbringen.
IL: Wir sind hier auf der Inhorgenta. Wie wichtig sind solche B2B-Messen für Ebel?
FP: Sie sind von zentraler Bedeutung – vor allem, weil der Fachhandel für uns eine Schlüsselrolle spielt. Wir betreiben lediglich drei eigene Boutiquen und arbeiten überwiegend mit unabhängigen Einzelhändlern zusammen.
Hier auf der Inhorgenta in München treffen wir nicht nur Kunden und Medien aus Deutschland, Österreich und den Benelux-Ländern, sondern aus der ganzen Welt. Heute Morgen hatte ich zum Beispiel ein Gespräch mit unserem australischen Vertriebspartner.

Ein jährliches Branchentreffen, bei dem sich alle – auch spontan – austauschen können, ist enorm wertvoll, bringt viele Vorteile und ist durch nichts zu ersetzen. Letztlich kann man zwar jeden Businessplan am Computer im Büro erstellen, aber Geschäfte werden persönlich gemacht: durch Gespräche, durch Händeschütteln. Es geht um das Zwischenmenschliche – nicht nur um Excel-Tabellen.
Meiner Meinung nach sollten diese Art von Messen daher unbedingt fortgeführt und weiterentwickelt werden.
IL: Welchen Rat haben Sie für Juweliere, damit sie auch in Zukunft kompetente Ansprechpartner für Uhrenliebhaber bleiben?
FP: Es ist die Denkweise, die Einstellung zu dem, was man tut, die über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Natürlich müssen Ambiente und Sortiment stimmen. Vor allem aber sollte man die Möglichkeit nutzen, durch die sich der stationäre Handel klar vom Onlineangebot unterscheidet: Service und die persönliche Nähe zum Kunden. Man sieht es ja: Erfolgreiche Einzelhändler bieten exzellenten Service, kommunizieren regelmäßig mit ihren Kunden und schaffen positive Einkaufserlebnisse.






