Die Automatik-Armbanduhr: Wie Fortis und John Harwood die Uhrmacherei für immer veränderten

Vor 100 Jahren begann in Grenchen mit der „Fortis Harwood Automatic“ die Erfolgsgeschichte der automatischen Armbanduhr.

Das Jahr 1926 markierte eine Zäsur in der Geschichte der Uhrmacherei und brachte eine Uhrenkategorie hervor, die bis heute zu den beliebtesten überhaupt gehört: die automatische Armbanduhr. Sie kommt ohne händischen Aufzug und ohne Batterie aus. Fast scheint sie ein Perpetuum mobile zu sein – ist sie natürlich nicht. Auch John Harwood konnte dessen Geheimnis nicht lüften.

Wohl aber beseitigte er einen entscheidenden Nachteil der damaligen Handaufzugswerke. Diese mussten täglich von Hand aufgezogen werden – und genau darin lag das Problem: Mit jedem Öffnen und Betätigen der Krone konnten Staub, Feuchtigkeit und Schmutz ins Werk eindringen.

1926 – eine Schwungmasse revolutioniert die Uhrenwelt

Im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen zwei Männer: der britische Erfinder John Harwood und der Fortis-Gründer Walter Vogt. Der eine entwickelte die Erfindung, der andere machte sie zur Realität.

Gemeinsam lösten sie eines der größten Probleme der frühen Armbanduhren zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wasserdichtigkeit existierte praktisch nicht, geeignete Dichtungsmaterialien standen kaum zur Verfügung, und jede Uhr musste täglich von Hand aufgezogen werden.

Für Walter Vogt, der Fortis 1912 in Grenchen gegründet hatte, war das eine grundlegende Schwachstelle. Schon damals verfolgte das Unternehmen die Idee robuster mechanischer Uhren für den Alltag. Doch jedes Herausziehen der Krone setzte das Werk Staub, Feuchtigkeit und Schmutz aus.

Nach Jahren der Entwicklung präsentierte John Harwood schließlich ein Selbstaufzugssystem, das die Bewegungen des Handgelenks nutzte, um die für das Uhrwerk benötigte Energie zu erzeugen. 1924 ließ Harwood seine Erfindung in der Schweiz patentieren und schuf damit eine der wichtigsten Grundlagen der modernen Uhrmacherei.

Technisch arbeitete das System mit einer schwingenden Masse, die sich innerhalb eines begrenzten Bereichs bewegte. Anders als heutige Vollrotoren besaß Harwoods Mechanismus einen eingeschränkten Bewegungsradius und traf an den Endpunkten auf Federanschläge.

Dieses frühe „Hammerautomatik“-System übertrug die Energie der Armbewegungen auf die Zugfeder. Doch die Entwicklung des Mechanismus war nur die halbe Herausforderung. Daraus eine zuverlässige Armbanduhr zu machen, die sich industriell in Serie fertigen ließ, erforderte umfangreiche Entwicklungsarbeit.

Fortis x Harwood: von der Idee zur Serienproduktion

Harwood benötigte einen Partner mit den technischen und industriellen Möglichkeiten, seine Idee zur Marktreife zu bringen. Walter Vogt erkannte das Potenzial der Erfindung sofort. Fortis entschied sich, die automatische Armbanduhr in Serienproduktion zu fertigen.

Das bedeutete weit mehr, als lediglich ein neues Uhrwerk zusammenzubauen. Die gesamte Konstruktion musste für den täglichen Einsatz neu gedacht werden. Das schwingende System musste den permanenten Bewegungen am Handgelenk dauerhaft standhalten. Gleichzeitig musste das Werk geschützt bleiben, obwohl der klassische Aufzug entfiel. Zuverlässigkeit musste in jedem einzelnen Bauteil stecken.

Fortis verfügte über die notwendige Infrastruktur, die Fertigungskompetenz und den Willen, diese Herausforderungen zu meistern. Harwood lieferte die Erfindung – Fortis machte daraus ein industriell produziertes Serienprodukt.

Die „Fortis Harwood Automatic“ überrascht die Uhrenwelt

Am 13. Juli 1926 war es so weit: Die ersten automatischen Armbanduhren verließen die Manufaktur in Grenchen und sorgten mit ihrem ungewöhnlichen Erscheinungsbild für Aufsehen.

Am auffälligsten war die fehlende Krone. Die Uhrzeit wurde über die drehbare Lünette eingestellt, während sich das Uhrwerk allein durch die Bewegungen des Trägers selbst aufzog.

In den folgenden Jahren entstanden zahlreiche Varianten der „Fortis Harwood Automatic“. Unterschiedliche Gehäuseformen, Zifferblätter und Ausführungen folgten – doch sie alle teilten dieselbe radikale Idee: den Verzicht auf eine Krone.

Zeichnung des Automatikwerks von John Harwood

Heute gilt die „Fortis Harwood Automatic“ als die erste serienmäßig produzierte automatische Armbanduhr der Welt.

Das automatische Aufzugssystem entwickelt sich weiter

Mit der Zeit setzten sich Vollrotoren durch und die Effizienz der Aufzugssysteme wurde kontinuierlich verbessert. Das Grundprinzip blieb jedoch unverändert: Eine mechanische Uhr gewinnt ihre Energie aus der Bewegung ihres Trägers – eine Idee, die die automatische Uhrmacherei bis heute prägt.

Als Rolex die Geschichte richtigstellte

Der Einfluss von Harwoods Erfindung war so bedeutend, dass selbst Rolex seine Rolle bei der Entwicklung der automatischen Armbanduhr später öffentlich anerkannte.

1956 veröffentlichte Rolex im Sunday Express eine Richtigstellung, nachdem frühere Werbeanzeigen den Eindruck erweckt hatten, das Unternehmen habe die automatische Armbanduhr erfunden. Rolex würdigte Harwoods Beitrag ausdrücklich. In den darauffolgenden Jahren erschien sein Porträt sogar in Anzeigen des Unternehmens.

Fortis schreibt die Harwood-Geschichte fort

Hundert Jahre später produziert Fortis noch immer im selben Gebäude in Grenchen, in dem dieses Kapitel der Uhrmachergeschichte begann. Das ursprüngliche Atelier wurde zu einer modernen Fertigungsstätte weiterentwickelt, doch die Philosophie ist bemerkenswert ähnlich geblieben: robuste mechanische Uhren für den echten Einsatz.

„Eine Fortis begleitet ihren Besitzer im täglichen Leben, denn sie ist für das Handgelenk gemacht – um getragen und genutzt zu werden, nicht für den Tresor. Außerdem steckt in einer Fortis viel mehr Schweiz, als man vermuten würde. Unsere Uhren werden seit 1912 nach wie vor in Handarbeit in denselben Räumlichkeiten in Grenchen und in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern gefertigt“, sagt Fortis-Inhaber Jupp Philipp. fortis-swiss.com

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