Geneva Watch Days 2026: Zwischen Neuheiten, Ateliers und Zeitfragen

Genf ist die Hauptstadt der Haute Horlogerie. Hier sitzen große Manufakturen, unabhängige Uhrmacher und spezialisierte Ateliers so nah beieinander wie kaum irgendwo sonst. Bei den Geneva Watch Days wird vom 2. bis 6. September 2026 die Stadt selbst zur Bühne für die Uhrmacherei.

71 Marken, fünf Tage und eine Stadt

Die Geneva Watch Days folgen nicht dem klassischen Messeprinzip. Statt alle Aussteller in einer Halle zu versammeln, verteilen sich die 71 teilnehmenden Häuser auf Boutiquen, Hotels und Showrooms in Genf. Der zentrale Pavilion am See dient als Treffpunkt, gemeinsames Forum sowie als Raum für Begegnungen und Veranstaltungen.

Dieses dezentrale Konzept macht die Veranstaltung zugänglicher. Besucher bewegen sich durch die Stadt, entdecken Marken in ihrem eigenen Umfeld, in Hotels und Suiten, und können neue Uhren in einem persönlicheren Rahmen kennenlernen. Große Manufakturen, unabhängige Marken und kleinere Ateliers öffnen dabei ihre Türen für alle – das ist der Kern des Events.

Gerade darin liegt die Stärke der Geneva Watch Days: Die Veranstaltung öffnet die Uhrenbranche, ohne den Charakter der Haute Horlogerie aufzugeben. Sie bringt Hersteller, Händler, Medien, Sammler und interessierte Besucher zusammen und verbindet Produktvorstellungen mit Gesprächen und öffentlichen Programmpunkten. Nachdem im Juli zunächst 68 Aussteller angekündigt waren, nennt der Veranstalter inzwischen 71 teilnehmende Häuser.

Neue Perspektiven auf die Zeit

Dass es in Genf nicht nur um neue Referenzen und technische Daten geht, zeigt das Programm der Fondation Dominique Renaud. Sie erweitert die Geneva Watch Days um eine grundsätzliche Frage: Was ist Zeit eigentlich – jenseits dessen, was eine Uhr messen kann?

Am 3. September findet im Hauptpavillon die zweite Ausgabe der Gesprächsreihe „Amplitude“ statt. Unter dem Titel „The Time of the Universe, the Time We Imagine“ diskutieren vier Wissenschaftler darüber, ob Zeit eine Eigenschaft des Universums oder eine Folge unserer Wahrnehmung ist.

Auf dem Podium sitzen Thomas Hertog, Professor für theoretische Physik und früherer Mitarbeiter von Stephen Hawking, die Astrophysikerin Janna Levin, die Kosmologin Katie Mack und der Schweizer Nobelpreisträger Didier Queloz. Moderiert wird das englischsprachige Gespräch von Louise Ekland.

Die Themen reichen vom Ursprung des Universums über schwarze Löcher bis zu möglichen Szenarien seines Endes. Damit verlässt die Diskussion bewusst den vertrauten Rahmen der mechanischen Zeitmessung. Für zwei Stunden wird aus der Uhrenveranstaltung ein Forum über die vielleicht grundlegendste Frage der Uhrmacherei.

Eine Uhr, auf der Zeit Spuren hinterlässt

Eine weitere Perspektive eröffnet das Projekt „Memento Vivere“. Der Entwurf von Benoît Porte-Proust entstand aus einer Zusammenarbeit der Fondation Dominique Renaud mit der französischen Designhochschule ENSCI.

Das Konzept soll vergangene Zeit nicht nur durch Zeiger darstellen. Ein extrem langsamer Prägeprozess hinterlässt nach und nach eine irreversible Spur auf dem Zifferblatt. Die Uhr zeigt damit nicht allein, wie spät es ist – sondern macht sichtbar, dass Zeit vergangen ist.

Die mechanischen Grundlagen sind inzwischen definiert, nun beginnt die Erprobung geeigneter Materialien und Verfahren. Ob daraus eine serienreife Uhr entsteht, ist noch offen. Interessant ist bereits der Ansatz: Innovation muss nicht zwangsläufig eine weitere Komplikation bedeuten. Sie kann auch mit einer neuen Vorstellung davon beginnen, wie wir Zeit wahrnehmen.

Gemeinsam statt abgeschottet

Die Fondation arbeitet außerdem an einer digitalen Plattform für unabhängige Uhrmacher und Ingenieure. Sie soll einen geschützten Raum schaffen, in dem technische Ideen geteilt und gemeinsam weiterentwickelt werden können.

Unterstützung soll ein auf die Sprache, Mechanik und Geschichte der Uhrmacherei ausgerichtetes KI-System liefern. Es soll recherchieren helfen, bekannte Lösungswege erkennen und Verbindungen zu anderen Wissensgebieten herstellen. Wie der Schutz geistigen Eigentums und der Zugang zur Plattform geregelt werden, ist allerdings noch nicht bekannt.

Auch dieses Projekt passt zum offenen Charakter der Geneva Watch Days: Wissen, Marken und Menschen sollen nicht voneinander abgeschottet bleiben, sondern miteinander ins Gespräch kommen.

Genf öffnet seine Uhrenwelt

Die Geneva Watch Days nutzen, was Genf besonders macht. Die Veranstaltung holt die Uhrmacherei nicht in eine anonyme Messehalle, sondern lässt sie in der Stadt stattfinden, die wie keine andere mit der Haute Horlogerie verbunden ist.

Zwischen 71 Marken, neuen Uhren, Kosmologie, experimentellem Design und künstlicher Intelligenz entsteht ein Programm, das unterschiedliche Zugänge zur Zeit erlaubt. Genf ist dabei mehr als nur der Veranstaltungsort. Die Stadt ist Teil des Konzepts – offen, dezentral und bereit für neue Perspektiven.

Offizielle Quellen: Geneva Watch Days und Fondation Dominique Renaud.

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