Ulysse Nardin Freak [ONE]: Zwei neue Seiten einer ungewöhnlichen Ikone
Der Freak gehört zu jenen Uhren, bei denen der Name tatsächlich Programm ist. Als Ulysse Nardin das Modell 2001 vorstellte, verzichtete die Konstruktion auf Zifferblatt, Zeiger und Krone. Stattdessen wurde das Uhrwerk selbst zur Anzeige der Zeit. 25 Jahre später zeigt die Manufaktur nun zwei neue Seiten dieses Konzepts: den Freak [ONE Guilloché] und den Freak [ONE Blue Enamel].


Ulysse Nardin: Freak [ONE Guilloché] und die Freak [ONE Blue Enamel]
Beide Modelle basieren auf dem 2023 vorgestellten Freak [ONE], der im selben Jahr beim Grand Prix d’Horlogerie de Genève als „Iconic Watch“ ausgezeichnet wurde. Beide sind auf jeweils 99 Exemplare limitiert – und beide verbinden die avantgardistische Architektur des Freak mit klassischen dekorativen Techniken.
Kein Zifferblatt, keine Zeiger, keine Krone
Das Grundprinzip des Freak bleibt unverändert. Die Uhr besitzt keine klassischen Zeiger. Stattdessen übernimmt das Manufakturkaliber UN-240 selbst die Zeitanzeige.
Das fliegende Karussell dreht sich einmal pro Stunde um die eigene Achse und übernimmt die Funktion des Minutenzeigers. Darunter befindet sich die Stundenscheibe, die sich innerhalb von zwölf Stunden einmal vollständig dreht. Eine Markierung auf ihr zeigt die Stunde an.
Auch eine klassische Krone sucht man vergeblich. Zum Einstellen der Uhr wird die Sperre bei sechs Uhr gelöst und anschließend die bidirektionale Lünette gedreht. Aufgezogen wird der Freak über den Gehäuseboden. Für die neuen Editionen wurde auch die Lünette leicht überarbeitet: Die Geometrie fällt etwas weicher aus, die Zahl der Kerben wurde reduziert.
Zwei Kunsthandwerke
Beim Freak [ONE Guilloché] liegt der gestalterische Schwerpunkt auf der Stundenscheibe. Sie trägt ein feines Rautenmuster in Guilloché-Technik. Dabei werden regelmäßig wiederkehrende geometrische Linien in die Metalloberfläche gearbeitet, die je nach Lichteinfall Tiefe und Bewegung erzeugen. Eine sandfarbene CVD-Beschichtung gibt der Scheibe einen warmen, zurückhaltenden Ton.

Bemerkenswert ist vor allem der Ort dieser Veredelung: Das Guilloché sitzt nicht auf einem klassischen Zifferblatt, sondern auf einem beweglichen Bestandteil des Uhrwerks, der zugleich die Stunden anzeigt.
Der Freak [ONE Blue Enamel] geht einen anderen Weg. Seine Stundenscheibe besteht aus Weißgold, trägt ein graviertes Sonnenstrahlmuster und wird bei Donzé Cadrans von Hand mit tiefblauem, durchscheinendem Emaille überzogen.


Ulysse Nardin: Freak [ONE Blue Enamel]
Die Emailpaste wird aus gemahlenem Glas hergestellt, mit dem Pinsel aufgetragen und anschließend bei rund 800 Grad Celsius gebrannt. Mehrere Schichten erzeugen Tiefe und Farbintensität; nach dem letzten Brand wird die Oberfläche von Hand poliert. Da die Stundenscheibe gleichzeitig funktionaler Teil des Uhrwerks ist, verlangt dieser Prozess besondere Präzision.
So entstehen zwei sehr unterschiedliche Interpretationen derselben Idee: Der Guilloché arbeitet mit Struktur und Licht, der Blue Enamel mit Farbe und Tiefe.
Titan als gemeinsame Basis
Beide Modelle besitzen ein 44 Millimeter großes Gehäuse aus satiniertem und sandgestrahltem Titan. Der Freak [ONE Guilloché] kombiniert es mit einer sandfarbenen Stundenscheibe und grauem Kautschukband, der Freak [ONE Blue Enamel] mit tiefblauer Emailfläche und weißem „ballistic“-Kautschukband.
Damit bleibt die technische Architektur identisch, während die Wirkung der beiden Modelle deutlich auseinandergeht: hier ruhig und monochrom, dort kontrastreicher und farbintensiver.
Silizium bleibt Teil der Freak-DNA
Technisch bleibt der Freak [ONE] eng mit jener Entwicklung verbunden, mit der Ulysse Nardin bereits 2001 Aufmerksamkeit erregte. Der erste Freak gehörte zu den frühen mechanischen Uhren, in denen Silizium eingesetzt wurde.
Im aktuellen UN-240 kommen eine Unruh und eine Spiralfeder aus Silizium zum Einsatz. Hinzu kommt die DIAMonSIL-Hemmung, bei der Siliziumkomponenten mit einer Diamantschicht versehen werden. Der automatische Aufzug arbeitet mit dem patentierten Grinder-System, das auch kleine Bewegungen effizient in Energie umwandeln soll. Die Gangreserve beträgt rund 90 Stunden.

229 Komponenten – und fast alles bewegt sich
Die ungewöhnliche Architektur des Freak zeigt sich auch in Zahlen. Rund 95 Prozent der Werkkomponenten befinden sich laut Ulysse Nardin kontinuierlich in Bewegung. Das UN-240 besteht aus 229 Teilen und arbeitet mit einer Frequenz von 3 Hertz beziehungsweise 21.600 Halbschwingungen pro Stunde. Jeder Freak [ONE] wird nach Angaben der Manufaktur vollständig von einem einzelnen Uhrmacher montiert.
Beide Editionen sind auf 99 Exemplare limitiert. Der Freak [ONE Guilloché] kostet 72.700 Euro, der Freak [ONE Blue Enamel] 81.700 Euro.
Zwei neue Seiten des Freak
Technisch erfinden beide Modelle den Freak nicht neu. Interessanter ist, was Ulysse Nardin mit seiner bestehenden Architektur macht.
Guilloché und Email gehören zu den traditionsreichsten dekorativen Techniken der Uhrmacherei. Beim Freak werden sie jedoch nicht auf ein klassisches Zifferblatt gesetzt, sondern auf ein Bauteil, das selbst Teil der Zeitanzeige ist.
Genau darin liegt der Reiz dieser beiden Jubiläumsmodelle: traditionelles Handwerk trifft hier nicht auf eine historische Konstruktion, sondern auf eine der ungewöhnlichsten Uhrenarchitekturen der modernen Uhrmacherei.






