Deutsche Schmuck- und Uhrenindustrie Q1 2026: Rekordzahlen mit Fragezeichen
Die deutsche Schmuck- und Uhrenindustrie startet mit außergewöhnlich hohen Außenhandelswerten in das Jahr 2026. Nach aktuellen Zahlen des Bundesverbands Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien (BVSU) erreichte der Export von Schmuck, Gold- und Silberwaren im ersten Quartal 2026 rund 2,42 Milliarden Euro – ein neuer Quartalshöchstwert und ein Plus von knapp 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Doch ähnlich wie bereits im früheren Berichten des BSVU (INSIGHT-LUXURY berichtete hier) zur Lage der Branche zeigt sich auch diesmal: Die glänzende Statistik spiegelt nur bedingt die tatsächliche wirtschaftliche Realität vieler Unternehmen wider.
Edelmetallpreise verzerren die Statistik
Der BVSU weist ausdrücklich darauf hin, dass die außergewöhnlichen Zahlen vor allem durch die drastisch gestiegenen Edelmetallpreise getrieben werden. Gold, Silber und Platin befinden sich seit mehreren Jahren in einem historischen Aufwärtstrend, der sich seit Ende 2025 nochmals massiv beschleunigt hat.
Gold erreichte Ende 2025 erstmals Preise von über 4.400 US-Dollar je Unze. Silber stieg laut BVSU innerhalb eines Jahres um rund 150 Prozent, Platin um mehr als 110 Prozent.
Dadurch steigen automatisch auch die in Euro ausgewiesenen Außenhandelswerte der Branche – selbst dann, wenn reale Stückzahlen oder tatsächliche Nachfrage deutlich weniger dynamisch ausfallen.
Der Verband formuliert dies ungewöhnlich deutlich:
„Wer die Zahlen ohne diesen Kontext liest, erhält ein fundamental verzerrtes Bild der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage der Branche.“
Schmuckexporte steigen deutlich
Besonders stark entwickelte sich der Export von Edelmetallen und Halbzeugen. Mit rund 1,34 Milliarden Euro lag dieser Bereich mehr als 60 Prozent über dem Vorjahresquartal.
Auch der Export von Fertigschmuck stieg auf 823,5 Millionen Euro. Das entspricht einem Wachstum von rund 18 Prozent gegenüber Q1 2025. Gleichzeitig erhöhte sich auch der Import von Fertigschmuck auf 639,5 Millionen Euro.


Interessant ist dabei, dass der BVSU zumindest teilweise von einer leichten Erholung der internationalen Nachfrage ausgeht – auch wenn belastbare Aussagen zu realen Stückzahlen weiterhin schwierig bleiben.
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Edelsteinen, Diamanten, synthetischen Diamanten und Perlen. Hier stiegen die Exportwerte auf 264,2 Millionen Euro und lagen damit mehr als doppelt so hoch wie in den Vorjahresquartalen. Diese außergewöhnliche Entwicklung deutet darauf hin, dass in diesem Segment derzeit zusätzliche Marktbewegungen wirken, die sich nicht allein durch den allgemeinen Anstieg der Edelmetallpreise erklären lassen.
Uhrenbranche zeigt stabilere Entwicklung
Deutlich ruhiger entwickelt sich dagegen die deutsche Uhrenindustrie. Der Gesamtexport von Uhren, Großuhren und Teilen stieg im ersten Quartal 2026 moderat auf 470,1 Millionen Euro und lag damit rund 2,3 Prozent über dem Vorjahreswert.


Die Exporte von Armbanduhren bewegten sich mit 428,4 Millionen Euro nahezu auf Vorjahresniveau. Gleichzeitig stiegen die Importe von Uhren und Uhrenteilen deutlich auf 650,9 Millionen Euro.
Der Verband interpretiert dies unter anderem als mögliche Normalisierung der Lagerbestände nach schwächeren Importphasen in den Vorjahren. Im Vergleich zum Schmucksegment zeigt sich die Uhrenbranche damit aktuell deutlich weniger von Edelmetallpreisen beeinflusst und insgesamt stabiler, allerdings auch ohne größere Wachstumsimpulse.
Geopolitik wird zum Wirtschaftsfaktor
Der BVSU ordnet die Entwicklung klar geopolitisch ein. Neben dem Ukrainekrieg, den Handelskonflikten zwischen den USA und China sowie globalen Verschuldungs- und Währungsfragen, verweist der Verband insbesondere auf die Eskalation im Iran-Konflikt Anfang 2026.
Diese Unsicherheiten treiben Edelmetalle zunehmend in die Rolle globaler Sicherheitsanlagen. Gleichzeitig steigen dadurch die operativen Herausforderungen für die Branche:
Von höherem Kapitalbedarf, geringerer Planbarkeit und schwierigerer Kalkulation, einhergehend mit stärkeren Preisschwankungen und dem zunehmenden Druck bei der Preisweitergabe an Endkunden
Gerade mittelständische Unternehmen stehen laut BVSU zunehmend vor der Herausforderung, stark gestiegene Materialkosten an Kunden weiterzugeben, ohne Nachfrage zu verlieren.
Zwischen Luxusboom und Anpassungsdruck
Damit bestätigt sich auch die Einordnung des früheren INSIGHT-LUXURY-Beitrags zur Lage der deutschen Schmuck- und Uhrenindustrie: Die Branche bewegt sich weiterhin zwischen glänzender Statistik und realem Anpassungsdruck.
Während internationale Luxusgruppen und High Jewellery Häuser teilweise weiterhin von globaler Nachfrage profitieren, bleibt die Situation vieler mittelständischer Hersteller komplexer. Hohe Edelmetallpreise, vorsichtige Konsumenten, geopolitische Unsicherheiten und steigende Finanzierungskosten verändern die Marktmechanik spürbar.
Gleichzeitig entstehen aber auch neue Chancen. Gerade im hochwertigen Segment gewinnen Themen wie:
- Werthaltigkeit
- Edelmetalle als Sicherheitswert
- langlebige Produkte
- Reparierbarkeit
- Heritage
- handwerkliche Glaubwürdigkeit
weiter an Bedeutung.
Diese Entwicklung zeigt sich zunehmend auch auf Handelsseite. Trotz massiv gestiegener Edelmetallpreise bleibt die Nachfrage nach hochwertigem Goldschmuck in vielen Premiumsegmenten stabil.
Dr. Gunnar Binder, CEO von CHRIST, erklärte dazu bereits im März 2026 im Interview mit INSIGHT-LUXURY:
„Der Goldpreis ist deutlich gestiegen, und damit auch die Preise für Goldschmuck. Dennoch verkaufen wir mehr Goldprodukte als zuvor. Diese Materialien stehen für Wertigkeit, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit. Das zeigt: Die Kundinnen und Kunden sind bereit, in Wertigkeit zu investieren.“
Die Aussage unterstreicht eine Entwicklung, die derzeit weite Teile der Branche prägt: Hochwertiger Schmuck wird zunehmend auch wieder als langfristiger Wertträger wahrgenommen.
(Das ganze Interview finden Sie hier: https://insight-luxury.com/2026/03/03/dr-gunnar-binder-ceo-christ-die-schmuckbranche-ist-stabiler-als-viele-denken/)
Ausblick bleibt vorsichtig
Für die kommenden Quartale bleibt die Lage schwer kalkulierbar. Entscheidend wird sein, wie sich Edelmetallpreise, geopolitische Spannungen und die internationale Konsumnachfrage weiterentwickeln.
Nach den historischen Höchstständen des Goldpreises Anfang 2026 befindet sich der Markt derzeit zwar in einer Phase leichter Konsolidierung. Viele internationale Analysten und Investmentbanken gehen jedoch weiterhin von einem strukturell hohen Preisniveau für Gold und andere Edelmetalle in den Jahren 2026 und 2027 aus. Als zentrale Faktoren gelten anhaltende geopolitische Unsicherheiten, starke Goldkäufe durch Zentralbanken sowie die zunehmende Bedeutung von Edelmetallen als globale Sicherheits- und Reservewerte.
Gleichzeitig bleiben Risiken bestehen. Ein dauerhaft starker US-Dollar oder verzögerte Zinssenkungen der US-Notenbank könnten die Preisentwicklung kurzfristig bremsen und für erhöhte Volatilität sorgen.
Für die Schmuck- und Uhrenbranche bedeutet dies vor allem eines: Die außergewöhnliche Preisphase bei Edelmetallen dürfte vorerst nicht verschwinden – und damit auch der Anpassungsdruck auf Kalkulation, Einkauf, Lagerhaltung und Endkundenpreise bestehen bleiben.
Der BVSU erwartet insbesondere von den Zahlen des zweiten Quartals wichtige Hinweise darauf, ob sich hinter den Rekordwerten tatsächlich eine nachhaltige Nachfrageentwicklung verbirgt – oder ob der aktuelle Höhenflug der Statistik vor allem ein Spiegel außergewöhnlicher Rohstoffpreise bleibt.
Hinweis: Zahlen, Abbildungen und Fakten aus dem „BV Aktuell – Rundschreiben vom 27. Mai 2026“ und (C)Bundesverbands Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien (BVSU)
Mehr zum BSVU: https://bv-schmuck-uhren.de/








