100 Jahre CIBJO: Die Organisation hinter den Regeln der Schmuckwelt

Kaum ein Schmuckkäufer kennt CIBJO. Dennoch beeinflusst die Organisation seit 100 Jahren, wie Diamanten, Edelsteine, Perlen und Edelmetalle beschrieben, geprüft und gehandelt werden.

Titelbild: (C)  CIBJO – The World Jewellery Confederation

Am vergangenen Wochenende feierte die CIBJO mit den Centenary Congress 2026 in Vicenza ihr hundertjähriges Bestehen. Bevor wir auf den Kongress selbst blicken, lohnt sich ein Blick in die Geschichte der Organisation:

Wer einen Diamanten, einen Farbedelstein oder eine Perlenkette kauft, beschäftigt sich meist mit Qualität, Herkunft, Verarbeitung und Preis. Eine andere Frage stellt sich dagegen kaum jemand: Wer legt eigentlich fest, was Begriffe wie „natürlich“, „synthetisch“, „behandelt“ oder „Zuchtperle“ genau bedeuten?

Eine der wichtigsten Organisationen dahinter ist CIBJO, die World Jewellery Confederation. 2026 feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen.

Ihre Arbeit findet meist im Hintergrund statt. Für die Schmuckbranche ist sie dennoch von großer Bedeutung.

Angefangen hat alles 1926

Die Geschichte von CIBJO beginnt 1926 in Paris. Damals wurde die Organisation als BIBOA gegründet, zunächst mit dem Ziel, die Interessen des europäischen Schmuckhandels zu vertreten. 1961 erfolgte die Umstrukturierung zu CIBJO – verbunden mit dem Schritt von einer europäischen Interessenvertretung hin zu einer global ausgerichteten Organisation.

Heute ist CIBJO eine in der Schweiz registrierte Non-Profit-Stiftung und vereint nationale Schmuckverbände aus mehr als 45 Ländern sowie Unternehmen und internationale Organisationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Mine bis zum Markt.

Warum braucht Schmuck gemeinsame Regeln?

Ein Diamant verrät dem Käufer nicht, ob er natürlich entstanden oder im Labor hergestellt wurde. Ein Rubin zeigt nicht auf den ersten Blick, ob seine Farbe durch eine Behandlung verändert wurde. Und auch bei Perlen, Jade oder anderen Edelsteinen können Bezeichnungen erhebliche Unterschiede in Qualität und Wert bedeuten.

Deshalb braucht ein internationaler Markt eine gemeinsame Sprache.

Genau das gehört zu den zentralen Aufgaben von CIBJO: technische Standards, Terminologien und Grundsätze zu harmonisieren und damit das Vertrauen in die Branche zu stärken. Hinzu kommen heute Themen wie Nachhaltigkeit, Responsible Sourcing und Lieferketten.

Das klingt technisch. Im Ergebnis geht es um etwas sehr Einfaches: Wer Schmuck kauft, sollte möglichst genau wissen, was er kauft.

Die Blue Books: gemeinsame Sprache für die Branche

Das wohl wichtigste Ergebnis dieser Arbeit ist das Blue-Book-System.

Die Blue Books enthalten Definitionen, Nomenklaturen und Empfehlungen für verschiedene Bereiche der Schmuckbranche und sollen international einheitliche Standards und Begriffe schaffen. CIBJO bezeichnet dieses System als das am weitesten verbreitete Regelwerk seiner Art in der Branche. Es gibt Blue Books unter anderem für Diamanten, Farbedelsteine, Perlen, Edelmetalle, Korallen, gemmologische Labore und Responsible Sourcing.

Man kann sie vereinfacht als gemeinsame Wörterbücher und Regelwerke verstehen.

Darin wird beispielsweise beschrieben, welche Begriffe verwendet werden sollen, wie natürliche und synthetische Materialien voneinander abgegrenzt werden oder wie Behandlungen von Edelsteinen anzugeben sind.

Die Blue Books werden regelmäßig überarbeitet. Denn auch die Schmuckwelt verändert sich: neue Produktionsmethoden entstehen, Behandlungen werden weiterentwickelt und neue Materialien kommen auf den Markt.

Von Naturdiamanten bis Lab-Grown

Wie wichtig solche Definitionen werden können, zeigt die aktuelle Diskussion um im Labor hergestellte Diamanten.

Technisch können diese dieselbe chemische Zusammensetzung und Kristallstruktur wie natürliche Diamanten besitzen. Ihre Entstehung ist jedoch grundlegend verschieden.

Damit wird die Bezeichnung entscheidend.

„Synthetic“, „laboratory-grown“, „laboratory-created“ – welche Begriffe erlaubt und international verständlich sind, ist längst nicht nur eine sprachliche Frage. Sie beeinflussen Produktbeschreibungen, Zertifikate, Werbung und das Verkaufsgespräch.

Genau solche Fragen werden innerhalb von CIBJO diskutiert und in Standards überführt.

Ähnliches gilt für synthetische Rubine und Saphire, behandelte Farbedelsteine oder neue Methoden zur Identifikation von Materialien.

Einfluss über die eigenen Regeln hinaus

Die Wirkung von CIBJO endet nicht bei den eigenen Blue Books. Die Organisation wirkte auch an internationalen ISO-Standards für den Diamanthandel mit.

ISO 18323 von 2015 regelt vor allem die Nomenklatur. Sie definiert, wie natürliche, behandelte und synthetische Diamanten, zusammengesetzte Steine und Diamantimitationen bezeichnet werden sollen.

ISO 24016 von 2020 legt Terminologie, Klassifikation und Prüfmethoden für die Graduierung natürlicher, loser, polierter Diamanten fest. Dazu gehören Gewicht, Maße, Farbe, Reinheit und Schliff.

Damit werden auch Begriffe konkret, die viele Käufer aus Diamantzertifikaten kennen. Reinheitsgrade wie VVS1, VVS2, VS1, VS2, SI1 oder SI2 beschreiben, wie gut Einschlüsse bei zehnfacher Vergrößerung erkennbar sind. Auch der Begriff Brillant ist nicht einfach ein anderes Wort für Diamant, sondern bezeichnet einen bestimmten runden Brillantschliff.

So wird deutlich, worum es bei Standardisierung ganz praktisch geht: Begriffe wie Diamant, Brillant, VVS1 oder SI1 sollen möglichst überall dasselbe bedeuten.

2006: Verbindung zu den Vereinten Nationen

Ein wichtiger Schritt über die eigentliche Branchenarbeit hinaus folgte 2006.

CIBJO erhielt offiziellen konsultativen Status beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen, ECOSOC. Im selben Jahr trat die Organisation außerdem dem UN Global Compact bei. Damit erhielt die internationale Schmuckbranche über CIBJO auch eine institutionelle Verbindung zur Arbeit der Vereinten Nationen.

In den folgenden Jahren wurde diese Zusammenarbeit weiter ausgebaut. 2008 entstand die World Jewellery Confederation Education Foundation, um Unternehmen der Diamant-, Edelstein- und Schmuckbranche bei Corporate Social Responsibility und Nachhaltigkeit zu unterstützen. Das Programm wurde gemeinsam mit Experten der Vereinten Nationen entwickelt.

2011 war CIBJO zudem treibende Kraft bei der Einrichtung eines UNITAR Centre of Excellence in Antwerpen, das sich der CSR-Ausbildung in der internationalen Schmuck- und Edelsteinbranche widmete. 2013 folgte eine Initiative zur Messung und Reduzierung von Treibhausgasemissionen in der Schmuckindustrie.

Nachhaltigkeit und Responsible Sourcing sind bei CIBJO damit keine neuen Themen, sondern Teil einer Entwicklung, die bereits vor vielen Jahren begonnen hat.

Heute deutlich breiter aufgestellt

Mit der Zeit ist das Aufgabengebiet von CIBJO erheblich gewachsen.

Heute arbeitet die Organisation in spezialisierten Bereichen für Edelsteinmaterialien, Handel und Labore, Schmuckdistribution sowie Herstellung, Technologie und Edelmetalle. Dazu kommen Kommissionen und Ausschüsse für Themen wie Diamanten, Farbedelsteine, Perlen, Gemmologie, Edelmetalle, Ethik und Responsible Sourcing.

Einmal jährlich kommen diese Bereiche beim CIBJO Congress zusammen. Dort werden bestehende Regeln überprüft, neue Themen diskutiert und Änderungen vorbereitet.

Auch vor neuen Technologien macht die Standardisierung nicht halt. Künstliche Intelligenz und Machine Learning kommen zunehmend auch bei der Prüfung, Analyse und Bewertung von Edelsteinen zum Einsatz. CIBJO beschäftigt sich deshalb mit der Frage, welche Regeln dafür gelten müssen. Der Grundsatz ist klar: Werden KI-Systeme in gemmologischen Laboren eingesetzt, sollen für Qualitätssicherung, Kontrolle und Verifizierung dieselben Anforderungen gelten wie bei konventionellen Prüfmethoden. Ein Labor bleibt also auch dann für das Ergebnis verantwortlich, wenn eine Technologie an der Analyse beteiligt war.

Damit stellt sich im Grunde dieselbe Frage wie vor 100 Jahren: Wie lässt sich sicherstellen, dass Angaben zu einem Stein nachvollziehbar und verlässlich bleiben – unabhängig davon, mit welcher Technologie sie ermittelt wurden?

Die Themen ändern sich. Die Aufgabe dahinter bleibt erstaunlich ähnlich.

Freiwillige Regeln mit großer Wirkung

CIBJO ist keine Behörde und erlässt keine Gesetze.

Die Blue Books und viele andere Standards sind zunächst Empfehlungen. Dennoch haben sie erheblichen Einfluss, weil sie von Verbänden, Unternehmen, gemmologischen Laboren und Fachleuten weltweit als Referenz genutzt werden.

Im besten Fall bleibt diese Arbeit für den einzelnen Schmuckkäufer unsichtbar. Denn dann zeigt sich ihre Wirkung ganz selbstverständlich: Ein Stein wird korrekt bezeichnet. Eine Behandlung wird offengelegt. Ein Laborbericht verwendet nachvollziehbare Begriffe. Ein Händler kann erklären, was er verkauft.

Erst wenn diese gemeinsame Sprache fehlt, wird sichtbar, wie wichtig sie ist.

Nach 100 Jahren liegt die Bedeutung von CIBJO deshalb weniger darin, dass der Name jedem bekannt ist, sondern entscheidend ist etwas anderes:

Wer Schmuck kauft, sollte wissen können, was er kauft. Und dafür braucht eine internationale Branche gemeinsame Regeln.

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