150 Jahre Zentralverband: Uhrmacherhandwerk zwischen Tradition und Zukunft
Der Zentralverband für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik hat in Berlin sein 150-jähriges Bestehen gefeiert. Gleichzeitig stellte sich der Bundesinnungsverband personell breiter auf. Im Mittelpunkt steht eine Frage, die für die gesamte Branche an Bedeutung gewinnt: Welche Rolle spielt das Uhrmacherhandwerk in einer Zeit, in der mechanische Uhren gefragt sind, qualifizierte Fachkräfte aber knapp bleiben?
150 Jahre sind für einen Verband zunächst einmal ein Anlass zurückzublicken. Beim Zentralverband für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik war das Jubiläum am 19. September in Berlin aber ebenso ein Blick nach vorn.
Rund 75 Gäste aus Uhrmacherhandwerk, Branche und Partnerorganisationen kamen im Schmelzwerk der Sarotti-Höfe in Berlin-Kreuzberg zusammen. Nicht zufällig fand die Feier in der Hauptstadt statt: Der 1876 gegründete Bundesinnungsverband des Uhrmacherhandwerks hatte hier seine erste Geschäftsstelle.
„Wir feiern unsere Tradition als Verband und unser Uhrmacherhandwerk in Berlin, um ein Zeichen für die Zukunft zu setzen“, sagte ZV-Präsident Albert Fischer. Der Verband sei politisch wie wirtschaftlich weiterhin mitten im Geschehen.

Ein altes Handwerk mit neuer Relevanz
Dass sich der Blick zum Jubiläum nicht allein auf die Vergangenheit richtete, machte auch Festredner Gisbert L. Brunner deutlich.
Seine zentrale These: Gerade weil heute so viele hochwertige mechanische Uhren existieren wie nie zuvor, gewinnt das Uhrmacherhandwerk an Bedeutung.
Brunner erinnerte daran, dass bereits die Gründer des Verbandes 1876 „Solidität und umfassendere Fachbildung“ gefordert hätten. 150 Jahre später seien diese Begriffe keineswegs überholt. Im Gegenteil: Fingerfertigkeit, Präzision, Geduld, Wissen und die Fähigkeit, Dinge zu erhalten, gehörten zu jenen Eigenschaften, deren Bedeutung eher wieder zunimmt.
Dahinter steckt eine Entwicklung, die weit über das Uhrmacherhandwerk hinausgeht. Je digitaler viele Bereiche des Lebens werden, desto größer scheint gleichzeitig die Wertschätzung für physische Produkte, deren Funktionsweise sichtbar und deren Entstehung nachvollziehbar bleibt. Die mechanische Uhr ist dafür ein nahezu ideales Beispiel.
Brunner formulierte es so: Eine mechanische Uhr könne man anfassen, öffnen, verstehen – und vor allem reparieren. In einer zunehmend von Austausch und kurzer Produktlebensdauer geprägten Konsumwelt sei das beinahe schon ein kulturelles Statement.

Reparierbarkeit wird zum Wert
Für den Uhrenhandel steckt darin ein wichtiger Gedanke.
Eine mechanische Uhr endet wirtschaftlich nicht mit ihrem Verkauf. Wartung, Reparatur und Aufarbeitung gehören über Jahrzehnte zum Produkt – und damit auch zur Beziehung zwischen Kunde, Händler, Hersteller und Uhrmacher.
Hinzu kommt eine emotionale Ebene. Hochwertige Uhren werden häufig über Generationen getragen, weitergegeben oder mit persönlichen Erinnerungen verbunden. Ihr Wert lässt sich damit nicht allein über Material, Marke oder technischen Aufwand definieren.
„Sie zeigen nämlich nicht nur die Zeit. Sie tragen Zeit in sich“, fasste Brunner diesen Gedanken zusammen.
Genau hier wird das Uhrmacherhandwerk zum entscheidenden Teil der Wertschöpfung. Denn eine jahrzehntealte mechanische Uhr bleibt nur dann dauerhaft nutzbar, wenn Fachwissen und entsprechende Servicekapazitäten vorhanden sind.
Das 150-jährige Jubiläum des Zentralverbandes verweist deshalb zugleich auf eine aktuelle Aufgabe: Das Wissen des Handwerks muss erhalten, vermittelt und an eine neue Generation weitergegeben werden.
Der Verband engagiert sich hierfür unter anderem mit seiner Ausbildungsoffensive und dem Uhrmacher-Mobil, das ebenfalls bei der Jubiläumsveranstaltung in Berlin vertreten war.

Mehr zum Uhrmacher-Mobil: https://wie-tickst-du.de/
Präsidium wächst von drei auf fünf Mitglieder
Unmittelbar vor der Jubiläumsfeier stellten die Delegierten auch die Verbandsführung für die kommenden vier Jahre neu auf. Albert Fischer wurde als Präsident bestätigt, ebenso Timo Boxberg als Vizepräsident und Manuel Philipp als Präsidiumsmitglied. Das bisher dreiköpfige Gremium wird zugleich um zwei Vertreter erweitert: Andreas Triffterer, Obermeister der Uhrmacherinnung Frankfurt, und Jochen Weiss, Obermeister der Uhrmacherinnung Stuttgart, wurden einstimmig in das Präsidium gewählt.

Die Erweiterung ist mehr als eine personelle Formalie. Der Verband will die anstehenden Aufgaben in der Ausbildungsförderung, Zertifizierung, Öffentlichkeitsarbeit und Ersatzteilversorgung auf mehr Schultern verteilen. Gerade diese Themen entscheiden darüber, ob das Uhrmacherhandwerk die wachsende Nachfrage nach Service und Reparatur langfristig bedienen kann.
Zum fünfköpfigen Präsidium gehören damit Albert Fischer aus Mainburg, Timo Boxberg aus Overath-Vilkerath, Manuel Philipp aus Burgsalach, Andreas Triffterer aus Frankfurt am Main und Jochen Weiss aus Filderstadt.
Auch die Ausschüsse wurden neu geordnet. Timo Boxberg übernimmt den Vorsitz des Fachausschusses für Wirtschaft und Technik. Manuel Philipp bleibt Vorsitzender des Hauptprüfungsausschusses. Der langjährige FAWT-Vorsitzende Joachim Zorn trat nicht erneut an; die Delegierten würdigten seinen jahrzehntelangen ehrenamtlichen Einsatz.
Zusätzlich setzte der Verband einen befristeten Satzungsausschuss ein. Er soll die Satzung an die aktuelle Rechtslage und veränderte Kommunikationswege anpassen. Damit verbindet der Zentralverband sein Jubiläum mit einer organisatorischen Modernisierung – und mit dem Anspruch, die Interessen des Uhrmacherhandwerks auch in den kommenden Jahren handlungsfähig zu vertreten.
Alle Bilder: ZV UHRMACHER / MARK BOLLHORST






