MARLI: Eine junge Marke mit drei Generationen Erfahrung

New York prägt das Design, die Erfahrung einer Juweliersfamilie den Hintergrund – und mit eigenen Schweizer Fertigungskapazitäten kommt nun auch die Uhrmacherei hinzu. Während der Geneva Watch Days traf INSIGHT-LUXURY Arto Artinian in der MARLI Boutique in Genf. Im Gespräch ging es darum, wie sich die noch junge Marke entwickelt, warum Europa anders funktioniert als New York und weshalb Schmuck und Uhren für MARLI zunehmend zusammengedacht werden.

Titelbild: MARLI Timepieces – die 2026 vorgestellte Uhrenkollektion überträgt die geometrische Designsprache der Schmucklinien auf das Handgelenk

MARLI gibt es erst seit 2014. Hinter der Marke steht allerdings eine Familie, deren Geschichte im Schmuckbereich drei Generationen zurückreicht. Gründerin und Creative Director Maral Artinian entwickelte MARLI in New York mit dem Anspruch, Schmuck stärker als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit zu verstehen. Heute gehören Cleo, Avenues und Tip-Top zu den prägenden Kollektionen; 2026 kamen erstmals Uhren hinzu.

Die Geschwister hinter der Artinian Group: Maral Artinian mit Arto und Saro Artinian.

Marli Schmuckstücke aus den Kolletionen Avenues (links) und Cleo (rechts)

Europa ist dabei noch vergleichsweise junges Terrain für die Marke. Im Nahen Osten und in den USA ist MARLI bereits deutlich sichtbarer. Genau das macht die nächste Entwicklungsphase interessant.

„Wir wollen Wiedererkennbarkeit auf die richtige Weise aufbauen“

INSIGHT-LUXURY: MARLI wurde 2014 in New York gegründet und hat sich inzwischen zu einer zunehmend internationalen Fine-Jewelry-Marke entwickelt. Wie würden Sie die Position von MARLI heute beschreiben – und was hat sich in den vergangenen Jahren am stärksten verändert?

Arto Artinian: Im Nahen Osten haben wir inzwischen einen Punkt erreicht, an dem das Design erkannt wird, bevor jemand den Namen liest. Dort ist diese Entwicklung am deutlichsten sichtbar. In den USA wachsen wir stark, und man sieht das daran, wie häufig MARLI inzwischen in der Kultur auftaucht – durch Aktivierungen, Celebrity Placements und Partnerschaften.

In Europa stehen wir noch früher in dieser Entwicklung. Wir sehen darin eine Chance, uns die Bekanntheit auf die richtige Weise zu erarbeiten – Kunde für Kunde. Meine Schwester und Gründerin Maral Artinian wollte von Anfang an eine grenzenlose Marke schaffen. Heute sieht man das an unserer Präsenz: von unserem neuen Flagship in New York bis zu unserer jüngsten Expansion nach Lateinamerika.

Cleo: die Signatur von MARLI

Die erste Kollektion von MARLI war zugleich diejenige, die bis heute besonders stark für die Marke steht. Cleo wurde 2014 vorgestellt. Charakteristisch sind pyramidenartige Formen, die sich in Gold, Diamanten und Farbedelsteinen wiederholen. Die Geometrie ist klar, aber nicht streng – ein Prinzip, das sich durch viele Entwürfe der Marke zieht.


Cleo Armreifen in Gold mit Diamanten und farbigen Steinelementen. Cleo Collier in Gold mit Diamanten.

Drei Generationen – aber keine historische Marke

INSIGHT-LUXURY: MARLI ist eine junge Marke, profitiert aber von jahrzehntelanger Erfahrung innerhalb der Familie Artinian und der Gruppe. Wie hat dieser Hintergrund die Entwicklung von MARLI beeinflusst – beim Design, im Handwerk, in der Geschäftsstrategie und beim Wachstum?

Arto Artinian: Unsere Familie ist seit drei Generationen im Schmuckgeschäft. Die Geschichte reicht zurück bis zum Geschäft meines Vaters und meines Onkels in Damaskus in den 1950er-Jahren. Wir sind damit aufgewachsen, Steine zu sortieren und zu lernen, wie ein Schmuckstück entsteht. Bei MARLI zeigt sich das auf eine Weise, die nicht immer sichtbar ist.

Design und Fertigung werden gemeinsam entwickelt. Was wir zeichnen, wird also auch davon beeinflusst, was wir aus unserer Erfahrung heraus besonders gut fertigen können. Weil wir unsere Produktion selbst besitzen und in Bangkok mit mehr als 800 Kunsthandwerkern arbeiten, können wir über alle Stücke hinweg denselben Standard halten.

Und geschäftlich hat uns dieser Hintergrund Geduld gelehrt. Wir denken in Jahrzehnten, nicht in Saisons.

Die Fertigung ist tatsächlich ein wichtiger Teil der Struktur hinter MARLI. Zur Artinian Group gehören neben den Marken MARLI New York und Sartoro Genève unter anderem die Schmuckfertigung Artinian Co. in Bangkok sowie PreciTech im schweizerischen Le Locle. Die Gruppe kontrolliert damit große Teile des Prozesses von der Beschaffung und Bewertung der Steine über Design und Produktion bis zu Qualitätskontrolle und Finish.

New York ist mehr als eine Herkunftsangabe

INSIGHT-LUXURY: MARLI trägt ganz bewusst „New York“ im Namen und in der Identität. Wofür steht New York für die Marke – über den Entstehungsort hinaus?

Arto Artinian: Für MARLI ist New York genauso eine Denkweise wie ein geografischer Ort. Als Maral am Anfang dieser Reise zu mir kam, erzählte sie mir, wie sehr sie die Energie der Stadt, ihre Vielfalt und dieses Gefühl unbegrenzter Möglichkeiten faszinierten.

Sie wollte eine Marke für Menschen schaffen, die selbst definieren, wer sie sind, statt sich von anderen definieren zu lassen.

Man sieht das auch in unseren Designs. Die Geometrie kommt aus der Skyline, der Rhythmus aus der Stadt. New York gibt MARLI außerdem ein Selbstbewusstsein, das man nicht künstlich herstellen kann. Den Namen New York zu tragen bedeutet für uns auch die Verpflichtung, sich ständig weiterzuentwickeln.

Avenues: Manhattan als Schmuck

Avenues Armreifen in Gelb-, Weiß- und Roségold mit Diamanten. Avenues Anhänger in verschiedenen Goldtönen: Das grafische Motiv übersetzt die Geometrie New Yorks in Schmuck.

Bei Avenues wird dieser Bezug besonders unmittelbar. Die 2016 eingeführte Kollektion greift das Raster Manhattans und die Geometrie der Straßen auf. Linien aus 18-karätigem Gold treffen auf Brillanten; die asymmetrischen Kompositionen übersetzen Stadtarchitektur in Schmuck.

New York kauft anders als Europa

INSIGHT-LUXURY: Welche wesentlichen Unterschiede sehen Sie heute zwischen Schmuckkunden in New York und Europa – beim Design, im Kaufverhalten und in der Bereitschaft, neue Marken zu entdecken?

Arto Artinian: Ich möchte mit Verallgemeinerungen vorsichtig sein, aber einige Unterschiede fallen auf. Kunden in New York nehmen eine neue Marke relativ schnell an, wenn sie eine klare Position besitzt. Sie kaufen sehr stark mit Blick auf ihren Lebensstil. Sie suchen Stücke, die vom Tag in den Abend funktionieren, die sich einfach kombinieren lassen und zu einem vollen Alltag passen.

Europäische Kunden lassen sich etwas mehr Zeit und schauen genauer hin. Sie möchten wissen, wo ein Schmuckstück herkommt, wie es hergestellt wird und wer dahintersteht. Wenn dieses Vertrauen erst einmal aufgebaut ist, ist die Loyalität sehr hoch.

Gleichzeitig sind europäische Kunden heute offener dafür, unabhängige Marken zu entdecken, als sie es noch vor zehn Jahren waren.

Wiedererkennbarkeit allein reicht nicht

INSIGHT-LUXURY: MARLI hat eine sehr erkennbare Designsprache mit Geometrie, klaren Linien und Vielseitigkeit entwickelt. Wie wichtig ist eine eigenständige visuelle Identität heute in einem Schmuckmarkt, in dem immer mehr Marken um Aufmerksamkeit konkurrieren?

Arto Artinian: Sie ist wichtiger denn je. Bei so vielen Marken ist Wiedererkennbarkeit entscheidend. Jemand sollte ein Schmuckstück auf der anderen Seite eines Raumes sehen und sofort wissen, was es ist.

Bei MARLI bedeutet das Geometrie, klare Linien und fließende Proportionen.

Aber Identität muss mehr sein als nur ein Look. Sie muss auch ein Gefühl vermitteln. Unsere Stücke sollen tagsüber und abends getragen, kombiniert und übereinandergeschichtet werden können – auf eine Weise, die zur Persönlichkeit des jeweiligen Menschen passt.

Und sie sollen häufig getragen werden, nicht nur zu besonderen Anlässen. Eine Designsprache verdient ihren Platz erst dann, wenn Menschen tatsächlich mit ihr leben.

Tip-Top: Präzision am Handgelenk

Tip-Top nimmt das klassische Tennisarmband als Ausgangspunkt, löst sich aber deutlich von seiner traditionellen Anmutung. Entscheidend ist MARLIs charakteristischer Pyramid Cut: eine geometrische Ausarbeitung an den Rändern der Steine, die dem Schmuck mehr Tiefe und eine klarere architektonische Wirkung gibt. So entsteht eine Linie, bei der Präzision nicht nur technisch verstanden wird, sondern zum eigentlichen Gestaltungsmittel wird.

Schmuck der TipTop KolleTip-Top in Rosé- und Weißgold mit Diamanten und Farbakzenten – geprägt von geometrischer Präzision und dem charakteristischen Pyramid Cut.

Kann eine junge Marke freier sein?

INSIGHT-LUXURY: Ist es ein Vorteil, keine jahrzehnte- oder jahrhundertealte Markengeschichte zu besitzen, weil dadurch mehr kreative Freiheit entsteht – oder macht es den Aufbau von Vertrauen schwieriger?

Arto Artinian: Beides stimmt. Die Freiheit ist real. Es gibt kein Archiv, das wir reproduzieren müssen, und keine festgelegte Vorstellung davon, wie ein MARLI-Stück auszusehen hat. Dadurch konnten wir eine Designsprache entwickeln, die in Architektur verwurzelt ist.

Vertrauen braucht dagegen länger, und ich glaube nicht, dass es dafür eine Abkürzung gibt. Ich messe Erfolg nicht nur finanziell. Reputation und Vertrauen sind für mich entscheidend.

Als wir in Thailand begonnen haben, dauerte es, bis die Menschen verstanden, dass wir nicht nur vorübergehend dort waren, sondern langfristig etwas aufbauen wollten. In Europa ist das nicht anders.

Vertrauen entsteht darüber, wie wir produzieren und wie transparent wir damit umgehen: unsere eigene Fertigung, RJC-zertifizierte verantwortungsvolle Prozesse und inzwischen auch eine digitale Zertifizierung, mit der Besitzer die Echtheit ihres Stückes überprüfen können. Heritage entsteht Stück für Stück.

Die angesprochene digitale Zertifizierung führte MARLI 2026 ein. Sie soll die Authentifizierung und Nachverfolgbarkeit der Schmuckstücke sowie einen späteren Eigentumsübergang digital dokumentieren. Die Fertigungsgesellschaft Artinian Co. erhielt im März 2026 zudem eine Zertifizierung nach dem Code of Practices 2019 des Responsible Jewellery Council.

Vom Schmuck zur Uhr

MARLI Tiempiece L35

2026 kam ein weiterer Schritt hinzu: MARLI präsentierte erstmals eine eigene Uhrenkollektion. Damit betritt die Marke ein Feld, das innerhalb der Artinian Group nicht vollständig neu ist. Mit PreciTech S.A. in Le Locle verfügt die Gruppe über einen eigenen Hersteller für Komponenten der Schweizer Uhrenindustrie.

INSIGHT-LUXURY: MARLI ist nun in die Uhrmacherei eingestiegen. Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt, vom Schmuck aus auch Uhren zu entwickeln – und welche Rolle sollen sie künftig für die Marke spielen?

Arto Artinian: Uhren waren für MARLI das natürliche nächste Kapitel. Nach einem Jahrzehnt, in dem wir eine eigene Designsprache rund um Präzision und Selbstausdruck aufgebaut haben, war der Moment gekommen, diese Sprache auf ein neues Medium zu übertragen – und auf eines der technisch anspruchsvollsten im Luxusbereich.

Das ist keine Abkehr von dem, was wir sind, sondern eine Weiterentwicklung dessen, was wir aufgebaut haben.

Möglich wurde das auch durch PreciTech, unsere Schweizer Fertigung in Le Locle.

PreciTech verbindet Hochtechnologie mit einer tief verwurzelten Schweizer Fertigungskultur. Dort entstehen Komponenten und Finissierungen nach sehr anspruchsvollen uhrmacherischen Standards – von Oberflächenqualität und Maßhaltigkeit bis zur konstanten technischen Leistung.

Durch die vertikale Integration kontrollieren wir Qualität, technische Performance und unsere weitere Entwicklung selbst. Das gibt uns Unabhängigkeit. Wir können das Ergebnis vom ersten Entwurf bis zur fertigen Uhr kontrollieren – und das Design kann führen, weil dahinter eine technische Basis vorhanden ist.

Marli Timepeices: L35, L30 und L23 – die Zahlen entsprechen dem Durchmesser des Gehäuses

New York und Le Locle

Marli Timepeices: L35 in verschiedenen Varianten

INSIGHT-LUXURY: MARLI verbindet eine starke New Yorker Identität mit Schweizer Uhrmacherei. Wie wichtig sind die Schweiz und Genf, wenn es darum geht, in dieser neuen Kategorie Glaubwürdigkeit aufzubauen?

Arto Artinian: Die Schweizer Uhrmacherei ist ein jahrhundertealtes Handwerk, und wir begegnen dieser Tradition mit großem Respekt. Deshalb werden unsere Uhrenkomponenten in Le Locle gefertigt, in einer Stadt mit einer sehr langen Uhrmachertradition und einer Fertigungskultur, in der Präzision die Grundlage ist.

Die Artinian Group hat ihren Hauptsitz in Genf, und PreciTech bringt diesen Standard in jede MARLI-Uhr ein.

Für die Geschichte von MARLI ergänzt die Schweiz die andere Hälfte der Gleichung: New York bringt Design und Attitude, die Schweiz die Präzision dahinter. Wir möchten zeigen, dass eine Marke stark vom Design ausgehen und zugleich die Qualität vom Anfang bis zum Ende kontrollieren kann.

Wenn Uhr und Schmuck wieder zusammenrücken

MARLI Timepiece im Zusammenspiel mit Schmuck der Marke – Uhr und Armband werden bewusst als Teil eines gemeinsamen Looks getragen

INSIGHT-LUXURY: Sehen Sie Schmuck und Uhren wieder stärker zusammenrücken – nicht nur gestalterisch, sondern auch darin, wie Kunden sie entdecken, tragen und kaufen?

Arto Artinian: Ja, und ich glaube, unsere Kunden sind dabei bereits weiter. Eine Uhr sitzt am Handgelenk genauso wie ein Armband, und immer mehr Menschen denken beides gemeinsam: Sie kombinieren, mischen Metalle und Steine und betrachten die Uhr als Teil des gesamten Looks statt als separaten Kauf.

Außerdem gibt es eine lange Tradition der Schmuckuhr. In gewisser Weise ist es also auch eine Rückkehr.

Für MARLI ist das ganz natürlich, weil MARLI eine Sprache ist und jedes Stück mit den anderen im Dialog steht. Die Uhren sind von unserem Schmuck inspiriert und fügen sich deshalb selbstverständlich ein.

Mixing und Styling gehören zum Kern der Marke. Es gibt für uns keine Regeln dafür, wie jemand sich ausdrücken möchte.

Das verändert auch die Beziehung zur Marke: ein Kunde, eine Boutique – und jemand beginnt vielleicht mit einem Ring und kommt später für eine Uhr zurück. Oder umgekehrt.

„Heritage entsteht Stück für Stück“

INSIGHT-LUXURY: Wenn wir uns in fünf Jahren wieder treffen: Was sollte sich bis dahin daran verändert haben, wie europäische Kunden MARLI wahrnehmen?

Arto Artinian: In fünf Jahren hoffe ich, dass man unser Design auf den ersten Blick erkennt und dem Standard dahinter vertraut – vom Schmuck bis zur Uhrmacherei.

Vertrauen entsteht langsam und durch Konsequenz. Jedes einzelne Stück sollte dazu beitragen.

Ich hoffe außerdem, dass MARLI als eine Marke wahrgenommen wird, die sich weiterentwickelt: modern, frei von Konventionen und für jeden gedacht. Das sind Stücke für jeden Tag. Sie sollen oft und auf die eigene Weise getragen werden – nicht nur zu besonderen Anlässen.

Wenn jemand irgendwo in Europa ein MARLI-Stück sieht, es sofort erkennt und zugleich weiß, was dahintersteht, dann wäre das die Veränderung, die ich mir wünsche.

Arto Artinian, Marli New York und Wolfram Bekker, INSIGHT LUXURY in der Marli Boutique in Genf

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