Nachhaltigkeit in der Uhren- und Schmuckbranche 

Nachhaltigkeit ist eines der großen Themen unserer Zeit. Viel wird darüber gesprochen, geschrieben und auch behauptet. Für viele Menschen gewinnt der Begriff zunehmend an Bedeutung und beeinflusst Kaufentscheidungen. Konsumentinnen und Konsumenten fragen verstärkt: Woher stammt ein Produkt? Unter welchen Bedingungen wurde es hergestellt? Welche Rohstoffe wurden verwendet, und wie sind deren Herkunft und Gewinnung? Wie sehen die Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette aus? Und welche Wege legen Materialien und Produkte zurück?

Hinzu kommen Fragen nach Wiederverwendbarkeit, Recyclingfähigkeit und einem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen insgesamt.

Gleichzeitig zeigt sich: Für ein einzelnes Produkt lassen sich diese Fragen oft nur teilweise oder mit erheblichem Aufwand beantworten. Zusätzlich wird die Diskussion durch vereinfachte Narrative oder „moderne Mythen“ geprägt. Begriffe wie „Blutdiamanten“ haben einen realen Hintergrund, bilden jedoch nicht die gesamte Bandbreite heutiger Herausforderungen in Lieferketten ab und haben heute auch an Bedeutung verloren.

Um mehr Klarheit zu schaffen, lohnt sich ein genauerer Blick.

Was bedeutet Nachhaltigkeit in der Uhren- und Schmuckbranche?

Nachhaltigkeit beschreibt das Prinzip, Ressourcen, Umwelt und gesellschaftliche Strukturen so zu nutzen und zu gestalten, dass sie langfristig tragfähig bleiben. Grundlage ist, nicht mehr zu verbrauchen, als sich regenerieren oder künftig bereitstellen lässt – verbunden mit ökologischer Verantwortung, sozialer Fairness und wirtschaftlicher Stabilität.

In der Uhren- und Schmuckbranche bedeutet das insbesondere: verantwortungsvolle Beschaffung von Rohstoffen, transparente Lieferketten, die Einhaltung von Menschenrechten, die Reduktion von Umweltwirkungen sowie ein bewusster Umgang mit Materialien über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg – einschließlich Wiederverwendung und Recycling.

Lieferketten: Gold und Diamanten

Die Prinzipien lassen sich gut anhand der Lieferketten zweier zentraler Materialien erklären: Gold und Diamanten.

Die Lieferkette von Gold

1. Upstream: Abbau
Gold stammt entweder aus dem großindustriellen Bergbau (Large-Scale Mining) oder aus dem handwerklichen Kleinbergbau (Artisanal and Small-Scale Mining, ASM). Während ASM nur einen kleineren Teil des weltweiten Goldvolumens liefert, sichert er die Lebensgrundlage für Millionen Menschen und ist damit sozial besonders relevant.

2. Midstream: Handel und Raffination
Nach dem Abbau wird Gold häufig als sogenannte Doré-Barren über Zwischenhändler an Raffinerien geliefert. Wichtige Standorte liegen unter anderem in der Schweiz, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dort wird das Gold auf hohe Reinheitsgrade gebracht. An diesem Punkt wird Rückverfolgbarkeit besonders anspruchsvoll, da Material aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt wird.

3. Downstream: Verarbeitung
Aus raffiniertem Gold entstehen Halbzeuge, Legierungen oder Komponenten, die von Schmuck- und Uhrenherstellern weiterverarbeitet werden. Neben der Herkunft spielen hier auch Energieeinsatz, Emissionen und der Umgang mit Chemikalien eine Rolle.

4. Point of Sale: Handel
Der Verkauf erfolgt über Juweliere, Markenboutiquen oder Online-Plattformen. Erst hier wird aus einem global gehandelten Rohstoff ein konkretes Produkt mit Marke, Design und Herkunftsversprechen.

Die Lieferkette von Diamanten

1. Upstream: Abbau
Rohdiamanten werden überwiegend in industriellen Minen gefördert, daneben auch im alluvialen Kleinbergbau. Bereits hier stellen sich Fragen nach Herkunft, Umweltfolgen und Arbeitsbedingungen.

2. Midstream: Handel, Sortierung und Schliff
Nach dem Abbau werden Diamanten sortiert und über Handelszentren wie Antwerpen, Gaborone oder Dubai verkauft. Der Schliff erfolgt häufig in spezialisierten Zentren, insbesondere in Indien.

3. Downstream: Verarbeitung
Die geschliffenen Diamanten werden zertifiziert und an Hersteller verkauft, die sie in Schmuck oder Uhren einsetzen. In dieser Phase entsteht das fertige Produkt.

4. Point of Sale: Handel
Der Verkauf erfolgt über den Einzelhandel oder digitale Kanäle an Endkundinnen und Endkunden.

Transparenz und ihre Grenzen

Schon diese vereinfachte Darstellung zeigt, wie komplex die Lieferketten sind und wie schwierig vollständige Nachvollziehbarkeit über Länder- und Systemgrenzen hinweg ist.

Transparenz entsteht daher meist durch das Zusammenspiel von Standards, Zertifizierungen, Audits und digitalen Systemen. Gleichzeitig gilt: Rückverfolgbarkeit ist ein wichtiges Werkzeug, aber nicht gleichbedeutend mit Nachhaltigkeit. Ein Produkt kann gut dokumentiert sein, ohne automatisch unter besseren ökologischen oder sozialen Bedingungen entstanden zu sein.

Wer sorgt für Transparenz?

Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Initiativen, Standards und Systeme etabliert, die an unterschiedlichen Punkten der Lieferkette ansetzen – vom Abbau über Handel und Verarbeitung bis hin zur Zertifizierung und Dokumentation.

Übergreifende Standards

Organisationen wie der Responsible Jewellery Council (RJC), CIBJO oder die OECD mit ihrer Due Diligence Guidance definieren grundlegende Rahmenwerke für verantwortungsvolle Geschäftspraktiken.

Der RJC richtet sich direkt an Unternehmen der Schmuck- und Uhrenbranche und deckt mit seinem Code of Practices Themen wie Menschenrechte, Umweltmanagement und Geschäftsethik ab. Die ergänzende Chain-of-Custody-Zertifizierung soll Materialflüsse nachvollziehbarer machen.

CIBJO bietet mit dem Responsible Sourcing Blue Book Orientierung bei Begriffen und Prozessen. Die OECD-Leitlinien bilden eine international anerkannte Grundlage für risikobasierte Sorgfaltspflichten und prägen viele branchenspezifische Standards.

Gold: Standards an Mine, Raffinerie und Handel

IRMA bewertet industrielle Minen anhand sozialer, ökologischer und Governance-Kriterien.

Fairmined und Fairtrade konzentrieren sich auf den Kleinbergbau und fördern bessere Arbeits- und Umweltbedingungen sowie stabilere Einkommen.

Die LBMA spielt eine zentrale Rolle im internationalen Goldhandel. Ihre Responsible Gold Guidance richtet sich insbesondere an Raffinerien und umfasst Anforderungen an Herkunftsprüfung, Risikomanagement und Prävention von Geldwäsche.

Raffinerien sind dabei ein entscheidender Knotenpunkt, da hier Material aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt wird.

Diamanten: Konfliktkontrolle und Rückverfolgung

Der Kimberley-Prozess reguliert den internationalen Handel mit Rohdiamanten und zielt darauf ab, Konfliktdiamanten auszuschließen, ist jedoch kein umfassender Nachhaltigkeitsstandard.

Das System of Warranties erweitert diesen Ansatz entlang der Lieferkette. Ergänzend gewinnen Herkunftsnachweise und digitale Rückverfolgungssysteme zunehmend an Bedeutung.

Technologische Ansätze

Digitale Systeme wie Blockchain oder Produktpässe ermöglichen es, Informationen entlang der Lieferkette zu speichern und zugänglich zu machen.

Physische Marker, etwa DNA-basierte Tracer, können helfen, die Verbindung zwischen Material und Datensatz zu stärken. Dennoch bleibt entscheidend, wie verlässlich die zugrunde liegenden Daten sind.

Ergänzende Perspektiven

Neben der Herkunft von Primärrohstoffen gewinnt der Einsatz von recycelten Edelmetallen zunehmend an Bedeutung. Recycling kann den Bedarf an neuem Abbau deutlich reduzieren und ist ein wichtiger Baustein nachhaltiger Materialstrategien.

Gleichzeitig ist recyceltes Material nicht automatisch „nachhaltig“ im umfassenden Sinne. Auch hier stellt sich die Frage nach Transparenz: Woher stammt das Ausgangsmaterial? Handelt es sich um Post-Consumer- oder Industrieabfälle? Wie werden Materialströme erfasst und getrennt?

Zudem erfordert Recycling selbst Energie und Prozesse, die bewertet werden müssen. In der Praxis zeigt sich, dass eine Kombination aus verantwortungsvoll gewonnenen Primärrohstoffen und hochwertigen Recyclingströmen derzeit den realistischsten Ansatz darstellt.

Ergänzend rücken auch Lebensdauer, Reparierbarkeit und Wiederverwendung von Schmuck und Uhren stärker in den Fokus – Aspekte, die oft weniger sichtbar sind als die Herkunft der Materialien, aber einen wesentlichen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten.

Hinweis: zum Zwecke der besseren Darstellung wurden die Prozesse und Zusammenhänge vereinfacht. Auf Grund der Komplexität sind kann es zu fehlerhaften Darstellungen kommen.

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