Sustainable Jewellery Day 2026 zeigt wie Vertrauen entsteht
Nachhaltigkeit ist in der Schmuck- und Uhrenbranche oft erst dann sichtbar, wenn sie als Zertifikat, Herkunftsnachweis oder Kommunikationsversprechen beim Handel oder bei Konsumentinnen und Konsumenten ankommt. Der eigentliche Aufwand entsteht jedoch viel früher: in Lieferketten, Standards, Audits, Datenstrukturen, Verbandsarbeit und in der Frage, wie Verantwortung praktisch organisiert werden kann.
Genau diese Ebene rückte der Sustainable Jewellery Day 2026 in Pforzheim in den Mittelpunkt. Der Bundesverband Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien e.V. hatte am 8. Juli zum zweiten Mal ins Turmquartier Pforzheim eingeladen. Vor einem bewusst limitierten internationalen Fachpublikum von 75 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigte das Format, wie intensiv die Branche inzwischen an Transparenz, Traceability und verantwortungsvoller Wertschöpfung arbeitet – häufig jenseits der öffentlichen Wahrnehmung.
Nachhaltigkeit wird immer stärker Verkaufsargument
Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Herkunft, Verantwortung und ethische Beschaffung bei Kaufentscheidungen an Bedeutung gewinnen.
McKinsey und Business of Fashion gehen im Branchenreport State of Fashion: Watches & Jewellery davon aus, dass bis 2025 rund 20 bis 30 Prozent der weltweiten Fine-Jewellery-Umsätze durch Nachhaltigkeitsüberlegungen beeinflusst werden. Besonders bei jüngeren Zielgruppen ist der Erwartungsdruck höher: Neun von zehn Gen-Z-Konsumenten sehen Unternehmen in der Verantwortung, Umwelt- und Sozialthemen aktiv anzugehen.
Auch branchenübergreifend wird die Richtung klarer. Die PwC Voice of the Consumer Survey 2024 zeigt, dass Verbraucherinnen und Verbraucher im Durchschnitt bereit wären, 9,7 Prozent mehr für nachhaltig produzierte oder beschaffte Produkte zu zahlen. Für die Schmuck- und Uhrenbranche bedeutet das: Nachhaltigkeit ist ein großes Thema, auch wenn sie nicht in jedem Verkaufsgespräch offensiv eingefordert wird, ist sie zunehmend ein Vertrauensfaktor.
Standards als Grundlage
Eröffnet wurde der Tag von Dr. Gaetano Cavalieri, seit mehr als 20 Jahren Präsident des Weltschmuckverbands CIBJO. Seine Keynote stellte die Rolle globaler Standards für Vertrauen in den Mittelpunkt. Vertrauen entsteht nicht allein durch gute Absichten oder glaubwürdige Kommunikation. Es braucht gemeinsame Grundlagen, die über einzelne Unternehmen hinausreichen.
Gerade für mittelständische Unternehmen und den Fachhandel ist das relevant. Wer Verantwortung entlang der Lieferkette nachvollziehbar machen will, braucht Orientierung: Welche Anforderungen gelten? Welche Nachweise sind belastbar? Welche Standards werden international anerkannt? Und wie lassen sich regulatorische Vorgaben so in unternehmerische Praxis übersetzen, dass sie nicht nur formal erfüllt, sondern tatsächlich wirksam werden?
Diese Fragen wurden auch in der anschließenden Podiumsdiskussion mit Dr. Cavalieri, Iris van der Veken, Executive Director & Secretary General der Watch & Jewellery Initiative 2030, und Gastgeber Dr. Guido Grohmann, Hauptgeschäftsführer des BVSU, aufgegriffen.
KMU stärker einbinden
Ein wiederkehrender Gedanke des Tages war die Rolle kleiner und mittlerer Unternehmen. Iris van der Veken sprach über ihren Beitrag beim Aufbau widerstandsfähiger und verantwortungsvoller Wertschöpfungsketten. Auch Purvi Shah, seit Februar 2026 Executive Director des Responsible Jewellery Council, widmete sich der Frage, wie branchenweite Zusammenarbeit Standards und Glaubwürdigkeit voranbringen kann – mit besonderem Blick auf die stärkere Einbindung kleinerer und mittlerer Unternehmen.
Das ist ein wichtiger Business-Aspekt. Nachhaltigkeit darf nicht nur von großen internationalen Marken getragen werden, die über eigene Compliance-, Sustainability- und Kommunikationsabteilungen verfügen. Die Schmuck- und Uhrenbranche besteht zu einem erheblichen Teil aus mittelständischen Betrieben, Zulieferern, Händlern, Werkstätten und Spezialisten. Wenn diese Unternehmen nicht mitgenommen werden, bleibt Nachhaltigkeit ein Thema der großen Häuser – aber kein tragfähiger Branchenstandard.
Traceability wird konkreter
Besonders deutlich wurde die Arbeit im Hintergrund beim Thema Diamant-Wertschöpfungskette. Im Panel mit Alexander Gul von A. Gul KG, Johanna Levi vom GIA, Jilian Wolk und Emanuela Morando von Tracr sowie Mahiar Borhanjoo von der De Beers Group ging es um blockchainbasierte Rückverfolgung, unabhängige Herkunftsverifizierung und die Frage, wie gemeinsame Daten- und Nachweissysteme konkreten Mehrwert schaffen können.
Für Endverbraucherinnen und Endverbraucher bleibt davon oft nur ein kurzer Hinweis sichtbar: Herkunft verifiziert, rückverfolgbar, zertifiziert. Dahinter stehen jedoch komplexe Prozesse. Daten müssen entlang der Lieferkette erhoben, geprüft, weitergegeben und verständlich gemacht werden. Unternehmen müssen Systeme aufbauen, Mitarbeitende schulen, Schnittstellen schaffen und definieren, welche Informationen wie kommuniziert werden dürfen.
Ähnlich zeigte es der Beitrag von Jennifer Moriconi von iTraceiT. Sie stellte digitale Rückverfolgbarkeitslösungen für Edelmetall-Lieferketten vor und machte anhand eines Praxisbeispiels aus Kolumbien deutlich, dass Traceability nicht nur ein Thema großer Konzerne sein muss. Entscheidend wird sein, solche Lösungen so zugänglich zu machen, dass auch kleinere Marktteilnehmer sie nutzen können.
Kommunikation ist Teil der Verantwortung
Dass Nachweise allein nicht ausreichen, zeigte der Beitrag von Raluca Anghel, Global Head of External Affairs and Industry Relations beim Natural Diamond Council. Sie sprach darüber, wie Nachhaltigkeit und Wirkung gegenüber einer neuen Generation von Konsumentinnen und Konsumenten glaubwürdig kommuniziert werden können.
Auch das ist mehr als eine Marketingfrage. Je komplexer Lieferketten, Standards und Prüfprozesse werden, desto größer wird die Herausforderung, sie verständlich zu erklären. Der Handel steht dabei an einer besonders sensiblen Stelle. Er muss Fragen beantworten können, ohne jedes Detail einer globalen Lieferkette selbst zu kontrollieren. Dafür braucht er belastbare Informationen, klare Begriffe und Partner, die Nachweise nicht nur liefern, sondern auch verständlich aufbereiten.
Viel Arbeit, wenig Sichtbarkeit
Der Sustainable Jewellery Day 2026 machte sichtbar: In der Branche passiert deutlich mehr, als im Schaufenster oder im Verkaufsgespräch erkennbar wird. Internationale Verbände, Zertifizierungsorganisationen, Technologieanbieter, Unternehmen und Brancheninstitutionen arbeiten an Standards, Plattformen, Auditprozessen, Rückverfolgbarkeit und Kommunikation.
Für Juweliere und Händler ist diese Arbeit nicht abstrakt. Sie entscheidet künftig mit darüber, wie glaubwürdig Produkte erklärt werden können, welche Aussagen rechtssicher und belastbar sind und wie Vertrauen im Kundengespräch entsteht. Nachhaltigkeit wird damit immer weniger zu einem einzelnen Verkaufsargument. Sie wird Teil der professionellen Infrastruktur der Branche.
Der Sustainable Jewellery Day zeigt, wie viel davon bereits erreicht ist, aber auch wo weiterer Handlungsbedarf besteht. Hier wurde eine weitere Grundlage gelegt für das, was später sichtbar werden soll: Vertrauen.





