Das Tourbillon – viel Wirbel um eine unnötige Komplikation? Hintergründe und Neuheiten

Das Tourbillon gilt einerseits als eine der größten technischen Herausforderungen der Feinuhrmacherei und andererseits als ziemlich unnötig – jedenfalls bei Armbanduhren.

Denn entwickelt wurde das Tourbillon – französisch für Wirbelwind – einst, um den Schwerkraftfehler der Hemmung in Taschenuhren auszugleichen, die häufig über lange Zeit in derselben Position getragen wurden.

Bei der Armbanduhr, die getragen am Handgelenk ständig ihre Lage verändert, ist dieser ursprüngliche Nutzen des Tourbillons jedoch weitgehend entfallen. Technische Vernunft hält Liebhaber und Hersteller komplizierter Uhren jedoch nicht davon ab, sich immer wieder für das Tourbillon zu begeistern, es weiterzuentwickeln oder neu zu gestalten.


Hyt: Conical Tourbillon Midnight Blue

Die Conical Tourbillon Midnight Blue kombiniert ein Gehäuse aus warmem 5N-Roségold mit schwarzem DLC-Titan und schafft so einen edlen Rahmen für das charakteristische blaue Fluid von HYT: die getönte Flüssigkeit, die durch die Kapillare aus Borosilikatglas strömt, die drei, mit blauer Flüssigkeit gefüllten Kugeln, die um das konische Tourbillon kreisen, sowie den blauen zentralen Minutenzeiger, der über das Zifferblatt gleitet. Die Kugeln rotieren mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten – viermal, fünfmal beiziehungsweise sechsmal pro Minute – jeweils im Uhrzeigersinn. Es entstehen immer wieder neue Anordnungen, die sich innerhalb einer Stunde kein einziges Mal wiederholen. hytwatches.com

  • Modell: Conical Tourbillon Midnight Blue
  • Werk: 701-TC, Handaufzug mit Aufziehwerkzeug, Tourbillon, 40 Stunden Gangreserve
  • Funktionen: retrograde fluidische Stundenanzeige, zentrale Minute
  • Gehäuse: Roségold, schwarzes DLC-Titan, 48 x 52,3 x 25,15 mm, wasserdicht bis 3 bar
  • Zifferblatt: Schwarz mit Kapillaren
  • Armband: Kautschuk
  • Besonderheit: mechanisch-fluidische Technologie, die ein mechanisches Uhrwerk mit einer retrograden Zeitanzeige kombiniert, bei der eine fluoreszierende Flüssigkeit durch ein System aus Kapillarröhrchen zirkuliert, limitiert auf 11 Exemplare
  • UVP: 355.000 CHF (exkl. MwSt.)

Das Tourbillon – der Schwerkraft zum Trotz

Der französisch-schweizerische Uhrmacher Abraham-Louis Breguet erhielt am 7. Messidor des Jahres IX, also am 26. Juni 1801, das Patent für das Tourbillon. Das grundlegende Prinzip ist zwar gleichgeblieben, dennoch haben sich in den vergangenen 225 Jahren verschiedene Bauarten entwickelt.

Die Schwerkraft kann lageabhängige Gangabweichungen verursachen, vor allem, wenn das Uhrwerk die meiste Zeit in einer Position verharrt. Das ist bei einer Taschenuhr der Fall, die nur wenige Male am Tag hervorgeholt wird. Um dieser Störung zu trotzen, entwickelte Breguet das Tourbillon.

Das Prinzip: Unruh, Spirale und Hemmung werden in einem rotierenden Käfig montiert, der sich um die eigene Achse dreht. Durch die kontinuierliche Drehung werden Lagefehler gemittelt und die Ganggenauigkeit verbessert.

Mit dem Siegeszug der Armbanduhr verlor das Tourbillon also seinen ursprünglichen praktischen Nutzen weitgehend. Manufakturen demonstrieren jedoch mit dem Tourbillon gern ihr uhrmacherisches Können.


A. Lange & Söhne: Cabaret Tourbillon Honeygold

Im Jahr 2008 stellte A. Lange & Söhne mit der „Cabaret Tourbillon“ die weltweit erste Uhr mit einem Sekundenstopp für das Tourbillon vor. Der damals patentierte Mechanismus erlaubt es, das Tourbillon jederzeit – das heißt in jedem Schwingungszustand der Unruh und in jeder Stellung des Käfigs – über eine Stoppfeder anzuhalten. Erst dadurch wird es möglich, die Zeitanzeige der Uhr sekundengenau einzustellen. Ist diese Funktion bei gewöhnlichen mechanischen Uhren eine Selbstverständlichkeit, war deren Umsetzung bei einem Tourbillon lange Zeit ein ungelöstes Problem. Seitdem wurden mehrere Uhrenmodelle der Manufaktur mit dieser nützlichen Zusatzfunktion ausgestattet. Die auf 50 Exemplare limitierte Cabaret Tourbillon Honeygold im Honiggoldgehäuse setzt diese Tradition fort. alange-soehne.com

  • Modell: Cabaret Tourbillon Honeygold
  • Werk: L042.1, Handauzug, Tourbillon, 120 Stunden Gangreserve
  • Funktionen: Stunden, Minuten, kleine Sekunde, Großdatum Gangreserveanzeige
  • Gehäuse: 750er Honeygold (Lange-Legierung), 29,5 x 39,2 x 10,3 mm, wasserdicht bis 3 bar
  • Zifferblatt: schwarzrhodiniertes Honiggold
  • Armband: Alligatorleder
  • Besonderheit: limitiert auf 50 Exemplare
  • UVP: auf Anfrage

Obwohl das Tourbillon häufig zu den großen Komplikationen gezählt wird, unterscheidet es sich von klassischen Komplikationen wie Minutenrepetition oder Ewigem Kalender: Es erweitert die Uhr nicht um eine zusätzliche Anzeige oder Funktion, sondern dient der Mittelung von Lagefehlern und damit einer Verbesserung der Ganggenauigkeit. Seiner faszinierenden, von mechanischer Ästhetik geprägten Ausstrahlung tut dies jedoch keinen Abbruch.

Verschiedene Bauarten

Klassisches Tourbillon: Der Käfig ist oben und unten gelagert und dreht sich meist einmal pro Minute.

Fliegendes Tourbillon: Es wurde 1920 vom deutschen Uhrmacher Alfred Helwig entwickelt. Der Käfig ist nur von einer Seite gelagert, wodurch der Blick auf die Mechanik frei bleibt.

Zweiachsen-Tourbillon: Zwei Käfige rotieren gleichzeitig um unterschiedliche Achsen. Der innere Käfig trägt Unruh, Unruhspirale, Anker und Ankerrad. Dieser Käfig rotiert um die erste Achse. Er ist wiederum in einem zweiten Käfig gelagert, der sich um eine zweite Achse dreht. Durch die kontinuierliche Änderung der Orientierung der Hemmung im Raum sollen Schwerkrafteinflüsse aus möglichst vielen Richtungen gemittelt werden. Das „Gyrotourbillon“ von Jaeger-LeCoultre ist ein solches Zweiachsen-Tourbillon.

Dreiachsen-Tourbillon: Es zeigt ein dreidimensionales Bewegungsmuster. Vereinfacht lässt sich das so vorstellen: Die Unruh schwingt wie bei jeder mechanischen Uhr. Der innere Käfig dreht sich permanent. Gleichzeitig dreht sich dieser Käfig mit einem zweiten Käfig um eine andere Achse. Beide bewegen sich zusätzlich mit einem dritten Käfig um eine weitere Achse. Dadurch beschreibt die Hemmung eine äußerst komplexe räumliche Bewegung. Die „Revolution 3“ von Franck Muller war 2004 die erste Armbanduhr mit einem Dreiachsen-Tourbillon in Serienproduktion.


Franck Muller: Vanguard Aero Revolution 3 Skeleton

Franck Muller präsentiert die neue „Vanguard Aero Revolution 3 Skeleton“, die einen freien Blick auf das dreiachsige Tourbillon gewährt. Dabei sind Gehäusedesign und Uhrwerk eng miteinander verknüpft, um das Inhouse-Kaliber MVT FM 2031-VS zur Geltung zu bringen: Das Uhrwerk wurde direkt am Gehäuseboden montiert – eine Premiere für Franck Muller. franckmuller.com

  • Modell: Vanguard Aero Revolution 3 Skeleton
  • Werk: MVT FM 2031-VS, Handaufzug, Dreiachsen-Tourbillon, 10 Tage Gangreserve
  • Funktionen: Stunden, Minuten
  • Gehäuse: Roségold, geschwärztes Titan o. Edelstahl, 43,4 x 52,1 x 22,4 mm, wasserdicht bis 3 bar
  • Zifferblatt: skelettiert/offen
  • Armband: Alligatorleder
  • Besonderheit: limitiert auf 8 Exemplare je Gehäuse-Material
  • UVP: auf Anfrage

Sonderformen des Tourbillons

Darüber hinaus entwickeln Manufakturen immer wieder Sonderformen des Tourbillons. Dazu gehört das „Cosmotourbillon“ von Jaeger-LeCoultre. Im Gegensatz zu einem klassischen oder mehrachsigen Tourbillon bleibt es nicht an einer festen Position im Uhrwerk. Stattdessen ist es ein orbitales fliegendes Tourbillon: Der Tourbillonkäfig selbst dreht sich wie ein klassisches fliegendes Tourbillon einmal pro Minute um seine eigene Achse. Gleichzeitig wandert der gesamte Tourbillonkäfig über das Zifferblatt und vollführt eine vollständige Umrundung – daher auch die Bezeichnung orbitales Tourbillon.

Ein weiteres Beispiel ist der „Super-Freak“, den Ulysse Nardin in diesem Jahr anlässlich des 25. Geburtstages der „Freak“ präsentiert hat. Zwei fliegende, jeweils um zehn Grad geneigte Titan-Tourbillons rotieren in entgegengesetzte Richtungen und vollführen alle 60 Sekunden eine Umdrehung. Das Besondere gegenüber anderen Doppel-Tourbillons ist es, dass beide Tourbillons über ein Differenzial miteinander verbunden sind, von einem gemeinsamen Federhaus gespeist werden und gemeinsam das Uhrwerk regulieren.

Greubel Forsey wiederum hat sich auf geneigte Tourbillons spezialisiert, deren schräge Achsenführung die räumliche Bewegung zusätzlich verstärkt und zu einem besonders eindrucksvollen Erscheinungsbild beiträgt.


Greubel Forsey: Tourbillon 24 Secondes Architecture

Bei der erstmals 2022 vorgestellten „Tourbillon 24 Secondes Architecture“ wird die Architektur des Uhrwerks zum Zifferblatt. Das aus 354 Komponenten bestehende Uhrwerk liegt vollständig offen und macht die Struktur zu einem visuellen Erkennungsmerkmal. Von Anfang an kündigte Greubel Forsey an, dass dieses Kaliber nur fünf Jahre lang und in einer Auflage von lediglich 66 Exemplaren gefertigt werden würde. Nach der Fertigung und Auslieferung von 55 Stück schließt das Atelier dieses Kapitel mit einer letzten Edition von elf Zeitmessern ab. greubelforsey.com

  • Modell: Tourbillon 24 Secondes Architecture
  • Werk: Handaufzug, 90 Stunden Gangreserve, Tourbillon
  • Funktionen: Stunden, Minuten, kleine Sekunde, Gangreserveanzeige
  • Gehäuse: Titan, seitliche Saphirglasöffnungen, 47,05 x 45,5 x 16,8 mm, wasserdicht bis 5 bar
  • Zifferblatt: offen
  • Armband: Kautschuk
  • Besonderheit: Tourbillon um 25° geneigt, eine vollständige Umdrehung in 24 Sekunden, limitiert auf 11 Exemplare
  • UVP: auf Anfrage

Grand Seiko entwickelte 2022 mit dem T0-Konstantkraft-Tourbillon erstmals einen vollständig integrierten Konstantkraft-Mechanismus in Kombination mit dem Tourbillon auf derselben Achse. Da sich zwischen den beiden Mechanismen weder Räder noch sonstige Komponenten befinden, kommt es bei der Übertragung des Drehmoments auf die Unruh weder zu Verlusten noch zu Schwankungen. Dies verleiht dem Konstantkraft-Mechanismus eine stabilere Energieübertragung und der Unruh eine stabilere Amplitude.

Besonders flach, klein oder groß

Als derzeit flachste Tourbillon-Armbanduhr gilt die 2025 vorgestellte „Octo Finissimo Ultra Tourbillon“ von Bulgari mit einer Gesamthöhe von nur 1,85 Millimetern. Möglich wird dies durch eine integrierte Konstruktion, bei der der Gehäuseboden zugleich als Werkplatine dient.

Das kleinste in Serie gefertigte Tourbillonwerk stammt ebenfalls von Bulgari: Das Kaliber BVL150 der „Serpenti Seduttori Tourbillon“ misst lediglich 22 × 18 Millimeter und gilt als das derzeit kleinste produzierte Tourbillonkaliber.

Während Bulgari also die Grenzen der Miniaturisierung auslotet, verfolgen andere Hersteller den entgegengesetzten Ansatz. Den derzeit größten Tourbillonkäfig einer Armbanduhr realisierte Kerbedanz mit der „Maximus“: Das zentrale fliegende Tourbillon misst beeindruckende 27 Millimeter im Durchmesser. Zuvor hielt Franck Muller mit dem „Giga Tourbillon“ und seinem 20 Millimeter großen Tourbillonkäfig diesen Rekord.


ArtyA: Purity Tourbillon Sport

Im Herzen der „Purity Tourbillon Sport“ schlägt ein exklusives, vollständig von ArtyA gefertigtes und skelettiertes Kaliber. Mit ihrem 18-Milliemter-Tourbillon, der 4-Hz-Frequenz und dem vollständig transparenten Gehäuse nimmt sie innerhalb der aktuellen Tourbillon-Neuheiten eine eigenständige Position ein. Jedes Exemplar wird in der bei der Bestellung gewählten Konfiguration geliefert, inklusive farblich aufeinander abgestimmter Gehäusebodendichtung und Armband. Dichtung und Armband können jederzeit bei einem ArtyA-Fachhändler ausgetauscht werden, wodurch die Uhr mit jeder neuen Farbe einen völlig neuen Look erhält. artya.com

  • Modell: Purity Tourbillon Sport
  • Werk: PUR-T1 mit fliegendem Tourbillon, skelettiert, Handaufzug, 70 Stunden Gangreserve
  • Funktionen: Stunden, Minuten, zentrale Sekunde, Sekundenanzeige über das Tourbillon
  • Gehäuse: Saphirkristall, 44 mm, wasserdicht bis 3 bar
  • Zifferblatt: kein klassisches Zifferblatt; das skelettierte Manufakturwerk übernimmt diese Funktion
  • Armband: Kautschuk
  • Besonderheit: limitiert auf 9 Exemplare je Farbe (Deep Red, Luminous Orange, Electric Turquoise, Deep Blue)
  • UVP: 130.000 CHF

Ba111OD: Chapter 4 Tourbillon T.V.D.

Die 2019 von Thomas Baillod gegründete Marke BA111OD hat mit der Übernahme von BCP Tourbillons im Frühjahr dieses Jahres, einem langjährigen Partner und wichtigen Lieferanten hochwertiger mechanischer Kaliber, einen weiteren strategischen Schritt vollzogen. Die Transaktion wurde unter vollständiger Wahrung der Unabhängigkeit der uhrmacherischen Entwicklungswerkstatt und ihres Ökosystems durchgeführt und stellt einen entscheidenden Schritt zur Stärkung der technischen Kompetenzen von BA111OD dar, wie das Unternehmen aus Neuchâtel mitteilt. Begleitet wird dieser Schritt von der Einführung der neuen „Chapter 4 Tourbillon T.V.D.“. ba111od.com

  • Modell: Chapter 4 Tourbillon T.V.D.
  • Werk: BA.01, Handaufzug, Tourbillon, 120 Stunden Gangreserve
  • Funktionen: Stunden, Minuten
  • Gehäuse: Edelstahl mit anthrazitfarbener DLC-Beschichtung, wasserdicht bis 5 bar
  • Zifferblatt: teilskelettiert
  • Armband: Leder mit Krokoprägung
  • Besonderheit: Chronometer-zertifiziert
  • UVP: 10.500 €

Bianchet: Rotondo UltraFino

Bianchet hat die Kollektion „Rotondo UltraFino“ um eine Ausführung in Roségold erweitert. Dabei bleibt sie der technischen Basis der UltraFino Rotondo aus Titan treu. bianchet.com

  • Modell: Rotondo UltraFino
  • Werk: UR01, Automatik, fliegendes Tourbillon, 60 Stunden Gangreserve
  • Funktionen: Stunden, Minuten
  • Gehäuse: Roségold, 39,5 x 8,9 mm, wasserdicht bis 10 bar
  • Zifferblatt: skelettiert
  • Armband: Kautschuk bzw. Roségold
  • UVP: 85.500 CHF bzw. 119.500 CHF

Richard Mille: RM HJ-02

Das RM HJ-02 In-house Automatic Tourbillon markiert das zweite Kapitel in der Haute Joaillerie der Marke, kombiniert mit Haute Horlogerie. Die Kollektion umfasst zwölf Zeitmesser, die in vier Farbwelten unterteilt sind: Rosa, Violett, Blau und Grün. Der üppige Edelsteinbesatz ist dabei genauso integraler Bestandteil der Uhr wie das Innenleben. Das hauseigene, skelettierte Automatik-Tourbillon-Kaliber CRMT2. Das skelettierte Uhrwerk wurde parallel zu Gehäuse und Zifferblatt entwickelt, um die mechanischen und dekorativen Elemente von Anfang an nahtlos zu verbinden. richardmille.com

  • Modell: RM HJ-02
  • Werk: CRMT2, Automatik, Tourbillon, 50 Stunden Gangreserve
  • Funktionen: Stunden, Minuten
  • Gehäuse: Weißgold u. Titan, 36 x 52,48 x 12,5 mm, bis 5 bar wasserdicht
  • Zifferblatt: skelettiert
  • Armband: Kautschuk
  • Besonderheit: limitiert auf 12 Exemplare mit je 1.399 Edelsteinen
  • UVP: auf Anfrage

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